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31. Jänner 2000, 21:51

Ich meine, dass inzwischen alle öffentlichen Versuche, die Ausländerproblematik "in den Griff zu bekommen", ausschließlich die Zielsetzung pervertieren.

Ich meine, dass ein Mitbürger, der seinen Arbeitsplatz durch (unterbietende) Ausländer gefährdet wähnt, durch keine Parole seine Angst und seinen Hass ablegt.

Ich meine, dass der winzige Teil von Psychopathen nichts sehnlicher wünscht als formierte Gegenspieler, die ihm eine Plattform als Feindbild bieten.

Ich meine, dass jede Art von humanistischer Beschwörung im Moment, in dem sie öffentlich ist, zur Phrase gerinnt und Widerwillen erzeugt.

Ich meine, dass die Mehrheit der Mitbürger längt kapiert hat, dass das, was (möglicherweise) auf uns zukommt, keinesfalls durch Gesetze, Polizei und Beschwörungen verhindert werden kann, sondern bestenfalls verstärkt würde.

Die Protagonisten aller Komitees (wie prominenzaufgefettet sie immer sein mögen) eröffnen nur eine neue Front. Sie sind für den wirklich Betroffenen nur eine eitle Provokation. Die übliche Klassenkluft zwischen den prominenten Erfolgreichen und denen, die eine bescheidene, gefährdete Existenz führen müssen, verschärft sich.

Soeben propagiert eine deutsche Regierungsbeauftragte im RTL einen Ausländersolidaritätsanstecker, der auch schick sei. Wie schnell sich doch Blödheit zur Humanität gesellt. Längst scheinen mir die üblichen Künstlerprominenzaktionen ähnlich instinktlos, einfältig, und würdelos.

Ich danke für die Einladung, bei Eurer Veranstaltung am Heldenplatz mitzumachen, sehe mich aber außer Stande und bitte um Verständnis. Otto M. Zykan

Die am Wochenende verbreitete dpa-Meldung, dass Elfriede Jelinek die Absicht habe, das Land zu verlassen (siehe Klarstellung unten), und der Kommentar der Schriftstellerin, dass alle Künstlerproteste "Haider nur stärker machten", haben Otto M. Zykan veranlasst, aus seinem Archiv einen schon etwas angegrauten Brief (Jg. 1993, an die "Lichtermeer"-Veranstalter) hervorzukramen: "Nicht aus dem Bedürfnis, darauf hinzuweisen, dass ich recht hatte", schreibt der Komponist einleitend, "sondern um aufzuzeigen, dass die Bekämpfung der Profilierungswut des Bildungsbürgertums ähnlich aussichtslos ist wie die Bekämpfung ungefilterter Machtinstinkte sog. ungebildeter Menschen." Foto:Semotan
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