Das Leben aus der Sicht der Toten

31. Jänner 2004, 14:00
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Stewart O'Nan recyclet in "Halloween" das Genre des Gespensterromans

Allerseelen hat es im Herbst als christlicher Tag des Totengedenkens mittlerweile auch in unseren Breiten schon recht schwer angesichts des im großen Stil aus den USA unternommenen Re-Imports der heidnischen Geistersause Halloween ins alte Europa. Kürbis- und Höllen-Ketchup im Supermarktregal nehmen heute schon längst mehr Platz ein als die guten alten Grabkerzen; von der Aufrüstung unserer Kinder mit Horrormasken zu Kobolden des Zuckerlschleckens ganz zu schweigen. Kindisches Spektakel statt ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Tod. Dieser wird in die Altersheime an den Stadtrand verdrängt. Im Zentrum diktiert die ewige Jugend das kindische Leben. Dank US-Filmen ist man seit Jahren bestens in die Materie eingearbeitet.

Zwischen traditioneller Gothic Novel und Klassikern des Gruselschmökers wie Friedhof der Kuscheltiere aus der Feder des King of Schlitz, Steve King, hat nun auch Vielschreiber Stewart O'Nan vergangenen Herbst in den USA punktgenau zu Halloween, hier mit reichlich übersetzungsbedingter Verspätung jetzt ein Stück Prosa veröffentlicht, das einzig um diesen Fixpunkt im Leben jedes US-Kindes und -Teenagers kreist. Night Country, der im Original etwas subtiler als die gleichnamige Horrorschocker-Endlos-Filmreihe Halloween betitelte, mit 256 Seiten im gewohnt lesefreundlichen Umfang O'Nans gehaltene Band ist nicht mehr und nicht weniger als ein literarisch hochwertig in Form gebrachter Gespensterroman. In ihm gehen tote Teenies in der Welt der Lebenden um.

Exakt ein Jahr zuvor sind fünf junge Leute aus der jedes diesbezügliche Klischee erfüllenden Kleinstadt Avon, Connecticut, verfolgt von einem Verkehrspolizisten bei einer nächtlichen Autoraserei in der Halloween-Nacht verunglückt. Drei sind zumindest für die Welt der Lebenden tot, einer durch schwere Kopfverletzungen entstellt und seines Gesichts wie seines Langzeitgedächtnisses beraubt, der fünfte nach außen hin zwar wieder gesundet, doch seelisch gezeichnet. Ein Jahr später gehen die drei Toten im Zwischenreich um. Sie müssen als stille und hilflose Beobachter mit Entsetzen und unfähig dazu, mit Geisterhand einzugreifen, dabei zusehen, wie bei den (Über-)Lebenden alles erneut auf eine Katastrophe zusteuert.

Das Leben aus der Sicht der Toten. Nicht erst seit M. Night Shyamalans atmosphärisch dichtem Hollywood-Thriller The Sixth Sense aus 1999 mit Bruce Willis in der Hauptrolle oder Alejandro Amenabars The Others aus 2001 mit Nicole Kidman und dem damit eingeleiteten Comeback des Gruselfilms dürfte einem breiten Publikum klar sein, dass bei einer nächtlichen Fahrt durch die Geschichte der Gänsehautliteratur gerade aus dieser Perspektive noch immer manch interessantes Ergebnis zu holen ist. Wer hier jetzt eine Handlung im Detail erzählen möchte, würde sich gegenüber dem potenziellen Leser dieses Romans versündigen, aber: Wie schon in O'Nans düsterem Meisterwerk, dem Roman A Prayer For The Dying (Das Glück der Anderen) oder seiner literarischen Dokumentation The Circus Fire (Der Zirkusbrand) oder auch seinem Versuch im Fach des Serienkiller-Genres mit Speed Queen geht es O'Nan ganz im vulgärpsychologischen Sinn immer auch um die klassischen Verstrickungen seiner Protagonisten in Schuld, Sühne, Trauer und Erlösung. Es geht um schwere Traumata und den Versuch, diese durch Wiederholung aufzuarbeiten und zu überwinden.

Das gelingt zwar nicht immer. Gerade dann nicht, wenn sich Stewart O'Nan sprachlich nie ganz zwischen der morbiden Schwere eines Edgar Allan Poe und flapsigem Teenager-Sprech entscheiden kann, den wir möglicherweise auch der deutschen Übersetzung verdanken. Die kunstvolle Konstruktion des Romans aber, seine souveränen Wechsel der Erzählperspektiven zwischen Schatten- und "realer" Welt sowie die todtraurigen Schilderungen des seelischen Elends der Hinterbliebenen bewegen schließlich doch. Allerdings hätte O'Nan ein wenig mehr in die Tiefe gehen und sich bei seiner Begeisterung über die eigene Meisterschaft beim Zitieren aus der Geschichte dieses Genres etwas zurückhalten können. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 31.1./1.2.2004)

Von
Christian Schachinger
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    Stewart O'Nan:
    Halloween
    Deutsch von Thomas Gunkel, € 19,90/ 256 Seiten, Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 2004.

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