Globale Einflüsse lokal erforschen

31. Jänner 2004, 09:00
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Elke Mader habilitierte sich als erste Ethnologin in Wien

Als Elke Mader 1973 ihr Studium begann, wurde ihr von einem - betagten - Professor noch nahe gelegt, das lieber bleiben zu lassen: Völkerkunde sei doch nichts für Frauen - die langen Feldforschungen im Ausland, die wissenschaftliche Arbeit, also Frau Kollegin. "Da waren Frauen in der Wissenschaft noch nicht so selbstverständlich", erzählt Mader. Sie blieb, forschte in Peru und später Ecuador und habilitierte sich 1997 als erste Frau am Wiener Völkerkunde-Institut.

Ihre Forschungsschwerpunkte liegen auf den ersten Blick weit auseinander: Wirtschaftsethnologie, Genderanthropologie, Mythenforschung, Globalisierung. Doch das seien eben die Fragen, die sich bei ihren Feldforschungen bei den indigenen Kulturen der Achua und Shuar ergeben hätten: Wer Wirtschaft und Arbeit untersucht, untersucht auch die Geschlechterverhältnisse. Und wer eine indigene Kultur untersucht, beschäftigt sich nicht nur mit Mythen, sondern auch mit den Auswirkungen der Globalisierung.

Denn die meisten indigenen Communities haben bereits viel Kontakt mit der "Außenwelt": Holz- und Ölfirmen setzen alle Mittel ein, um den Regenwald ausbeuten zu können; die Nationalkulturen Ecuadors und Perus üben über Gesetze und Medien Einfluss aus; Touristen, Missionare und auch Anthropologen tauchen auf; viele Indigene migrieren in die Städte oder ins Ausland: "Da hat mich interessiert, wie sich interkulturelle Kontakte auf indianische Konzepte der Geschlechterrollen auswirken", erzählt Mader. Daraus entstand ihr drittes Standbein, die Erforschung von Globalisierungsprozessen im lokalen Kontext. Im Rahmen eines FWF-Projektes untersuchte sie in den vergangenen Jahren die interkulturellen Beziehungen von Schamanen in Lateinamerika.

Bis Jänner unterrichtet Mader noch als Gastprofessorin am Gender-Kolleg der Uni Wien, außerdem weiterhin am Institut für Ethnologie, Kultur- und Sozialanthropologie. Mittlerweile ist Genderanthropologie an der Wiener Völkerkunde ein wichtiger Schwerpunkt - Geschlechterfragen spielen in allen Kulturen eine große Rolle. Und es studieren auch viel mehr Frauen als Männer Völkerkunde. Für die neu zu besetzende Professur schlug das Institut dem Rektorat drei Frauen vor. "Das ist der erste Dreiervorschlag, bei dem nur Frauen gelistet werden", freut sich Mader. Sie selbst wurde an zweiter Stelle genannt, wird die Professur also vermutlich nicht bekommen.

Langweilig dürfte der Single-Frau trotzdem nicht werden. Gemeinsam mit dem Lateinamerika-Institut hat sie eine Online-Lernplattform zu Lateinamerika entwickelt. Daneben erarbeitet sie sich wieder ein neues Gebiet: "Mich interessiert, wie Landschaft inszeniert und präsentiert wird, und welchen Stellenwert interkulturelle Prozesse wie der Tourismus haben." Hier wäre ein Vergleich von Lateinamerika, Österreich und Nepal interessant, meint Mader. "Doch das ist noch Zukunftsmusik." (Heidi Weinhäupl/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31. 1./1. 2. 2004)

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    illustration: der standard
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