Spiel mir das Lied von der Brüderlichkeit

30. Jänner 2004, 20:00
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"Der grüne Kakadu" im Josefstadt-Theater - Der feste Boden rutscht ins Souterrain der Revolution von 1789 hinab

Wien - Eine hagere Rokoko-Gräfin (Tatja Seibt), deren makellose Tragödinnenstatur den Sprachgips aus Stefan Zweigs Szenchen Der verwandelte Komödiant wie republikanischen Edelmarmor darreicht, verwirrt an der Rampe des Wiener Josefstadttheaters absichtsvoll die Kategorien.

Der Adel in Gestalt eines liederlichen Chevaliers (Erich Schleyer) ist als Liebhaber eine traurige, perfekte Fehlbesetzung, während der schutzflehende Gossen-Komödiant (Erich Dangl) sich beim Vorsprechen der berühmten Leichenrede des Mark Anton als Mensch mit wahrer Herzensbildung entpuppt.

Die gedeihliche Zukunft, will dieser knirschende Auftakt erzählen, erwächst aus keiner verkommenen Grube.

Auf die ermüdenden Spaßverfügungen der auch schon wieder auslaufenden Ära Gratzer reagiert das Haus nun mit Anspielungen: Nicht weniger als zwei Vorspiele auf dem Theater muss der Zuschauer hinnehmen - das zweite bietet das ermüdende Zwiegespräch eines zauseligen Theater-Striese (Joachim Bliese) mit einer grinsenden Politikerschranze (Toni Slama) -, ehe dann endlich Arthur Schnitzlers Revolutionsgroteske Der grüne Kakadu etatmäßig gegeben wird.

Jetzt wird es ernst, eben weil der feste Boden der Wirklichkeit ins Souterrain der Revolution von 1789 hinabrutscht - in jenes Lokal zum grünen Kakadu, wo ein Rudel abgetakelter Schausteller ein die Revolutionsangst wie ein berauschendes Gesöff genießendes Adelspublikum mit der Vorspiegelung infernalischer Verbrechen zu frenetischen Beifallskundgebungen hinreißt.
In Schnitzlers Bagatelle ist es sozusagen eine Stunde lang zwei Minuten vor Zwölf. Während draußen die Menge daran geht, die Bastille zu erstürmen, wird zwischen Marmortischchen traut über Schein und Wirklichkeit verhandelt.

Derweil missbrauchen die unbelehrbaren Aristokratenköpfe den simulierten Ernstfall als Stimulans. Das atmet die Luft von de Sade. In einem Spiegelkabinett (Bühne: Heinz Hauser) lässt Regisseur David Mouchtar-Samorai ein wenig breit und betulich Genre-Malerei treiben, immer mit Blick auf die ergötzliche Spiegelwirkung im abgeschrägten Bildhintergrund.

Zwiespalt im Kopf

Ein Vicomte wie der von Nogeant (Schleyer) erscheint hinlänglich über seinesgleichen aufgeklärt - ein liberaler Genießer, der wahrscheinlich die flammenden Reden eines Camille Desmoulins im Kopf memoriert, während der Unterleib den entsetzlichsten Ausschweifungen frönt.

Der Kneipenwirt Prospère (Bliese) äugt entsetzt in die zusehends entgleisende Szene - wie ein unter die Menschen gefallener Gottvater. Strauchdiebe (Martin Zauner) und Freudenmädchen knirschen und quieken, während der Hauptdarsteller eines Melodrams (der überforderte Peter Scholz) ausgerechnet dann zu zu schmieren anhebt, wenn es sein Glück gilt.

Eine Kunstgewerbeübung in insgesamt moderat gehaltener Tonlage, blitzend vor Anspielungsreichtum. Und doch notwendige Mimikry an einer Zivilgesellschaft, deren erlauchteste Vertreter sich heute Kakerlaken ins Maul stopfen, wenn sie Unvoreingenommenheit demonstrieren wollen. Ein Abend wie ein etwas mürber Kuchen. Aber der Nachgeschmack stimmt reflexiv - und das ist mehr, als man bis dato in diesem Haus während einer halben Saison erleben durfte. (DER STANDARD, Printausgabe, 31.1./1.2.2004)

Von
Ronald Pohl
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    Zeig mir die Liebe, und dir gehört ab morgen der Konvent: Brigitte Soucek, Annika Krump und Peter Scholz beim Aristokraten-aufmischen (v. li.).

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