Apologet aller Außenseiter

27. März 2005, 00:35
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Retrospektive Nicholas Ray im Filmmuseum: Ein lyrisches Werk über getriebene Einzelgänger, die nach ihrem Platz auf der Welt suchen

Wien - Kein Weg führt zurück ins sichere Heim: Dieses resignative Motiv hätten alle Filme von Nicholas Ray gemein, so der britische Filmpublizist Peter Wollen einmal.

We can't go home again (1973-76) heißt eine späte experimentelle Arbeit Rays, aber bereits sein Debütfilm, They Live By Night (1948), mag als Beleg dienen: Er beginnt mit dem Bild eines sich küssenden Pärchens, darüber stehen die Worte: "This boy and this girl were never properly introduced to the world we live in . . ." Eine Flucht setzt an, zweier Teenager, die sich lieben, stoßen im Land der Freiheit auf Straßenbarrieren, auf ihre Gesichter fallen immer wieder die Schatten von Gittern: die Welt als Gefängnis.

Vom Versprechen, je anzukommen, ist nichts geblieben in diesem Film. Sein romantischer Fatalismus hat dafür ein ganzes Subgenre geprägt: von Terrence Malicks Badlands bis hin zu Oliver Stones Natural Born Killers.

Das ganze Kino und nichts als das Kino ist Nicholas Ray, hat Jean-Luc Godard einmal über den US-Regisseur gesagt. Das ist natürlich eine rhetorische Übertreibung. Aber in Ray sahen die jungen französischen Kritiker der 50er-Jahre tatsächlich einen Lyriker mit expressivem Überschwang, der im sehr formalisierten Betrieb Hollywood, (zumindest eine Zeit lang) seinen eigenen Stil durchzusetzen vermochte: Ein Vorbild für moderne Kino-Rebellen, dem noch Wim Wenders mit Lightning Over Water (1980) eine Hommage am Totenbett widmete.

Rays Kino ist jedoch alles andere als ganz, eben, rund; es ist aufregend nahe am Exzess und reich an Brüchen - das wird die komplette Werk-Retrospektive im Österreichischen Filmmuseum wohl vorführen; es ist aber auch bevölkert von Rebellen, Außenseitern, schiefen Helden. Meist gewalttätig begehren diese gegen eine Gesellschaft auf, deren Normen erdrückend sind; ihre Motive sind dabei weniger politisch als individuell: Getrieben werden diese Figuren nicht zuletzt von einer inneren Unrast.

Ewiges Aufbegehren

Rebel Without a Cause (1955) ist vielleicht Rays berühmtester Film, die meisten kennen ihnen wegen James Dean und Natalie Wood. Hilflose, autoritäre Eltern, aufbegehrende Jugendliche, Messerduelle und Mutproben im Auto: Ray verwandelt einen Stoff, der leicht ein wenig didaktisch wirken könnte, zu einem Film zerrissener Aktionsmuster, in dem Zuhause-Sein allenfalls in einer verfallenen Villa gespielt werden kann.

Die Gewalt ist hier, wie so oft in seinen Filmen, eruptiv, der Ausdruck (der Körper, der Kamera, des Technicolor) stärker als die Idee (der Handlung). Ähnliches gilt für In a Lonely Place (1950), ein Hollywood-Film-noir, in dem Humphrey Bogart einen Drehbuchautor spielt, dem beständig das Temperament durchgeht. Er wird verdächtigt, einen Mord begangen zu haben, aber die Suspense interessiert Ray nur am Rande: Eher geht es hier um eine unmögliche Liebe, wenn in Gloria Grahame - Rays damaliger Frau, von der er sich kurz danach trennte - das Misstrauen gegenüber Bogart wächst. Weniger aus sozialem Zwang, vielmehr, weil sie dessen selbstzerstörerischen Habitus nicht mehr gewachsen ist: "I lived a few weeks, while you loved me ..."

Der Raumgestalter

Oft und mit Recht wurde darauf hingewiesen, was Ray tat, bevor er nach Hollywood kam: Er studierte beim Architekten Frank Lloyd Wright, recherchierte über amerikanische Folk-Music, war beim Radio und Kommunist. Spuren dieser Beschäftigungen finden sich auch in seinen Filmen, in seinem ungewöhnlichen Umgang mit Räumen und Schauplätzen, in seinen Folk-Balladen (The True Story of Jesse James, 1957), in seiner soziopolitischen Sensibilität, von der noch ein heruntergenudelter 2. Weltkriegsfilm wie Flying Leathernecks (1951) zeugt, der mit dem ihm aufoktroyierten Heroismus nicht viel anzufangen weiß.

Johnny Guitar (1954) wiederum, einer der eigenwilligsten und dabei doch größten Western aller Zeiten, wurde wiederholt als Rays Abrechnung mit der McCarthy-Zeit gelesen - er selbst entkam der Blacklist nur durch Interventionen mächtiger Freunde. Der Mob wird darin von einer Frau angeführt, ihr Feindbild ist eine Frau namens Vienna (Joan Crawford), und am Ende duellieren sich die beiden.

Eingeschrieben in diese Lynchgeschichte ist ein musikalisches Melodram, das von einem Revolverhelden (Sterling Hayden) erzählt, der nunmehr Gitarre spielt, und seiner Liebe zu einer Frau, die ein Casino betreibt, in der die Roulettetische den Bass spielen.

Doch selbst dieser Film verdankt seine Kraft nicht Ray allein: Crawford hat ihn an sich gerissen, sie erst hat das Finale durchgesetzt. Im weißen Spitzenkleid spielt sie in ihrem Haus, das wenig später in Flammen steht, Klavier. Die Meute, die reinstürmt, hört keine Zwischentöne, aber der Zuschauer ist überwältigt von Viennas Beharrlichkeit, einmal irgendwo bleiben zu wollen. (DER STANDARD, Printausgabe, 31.1./1.2.2004)

Von
Dominik Kamalzadeh

Ab 31. Jänner im Filmmuseum

Link

Filmmuseum

  • Das ganze Kino und nichts als das Kino: eine Retrospektive für Nicholas Ray (1911-1979).
    foto: österreichisches filmmuseum

    Das ganze Kino und nichts als das Kino: eine Retrospektive für Nicholas Ray (1911-1979).

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