Vor 25 Jahren starb Sid Vicious

31. Jänner 2004, 20:21
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Bassist der britischen Punk-­Begründer "Sex Pistols" und Inbegriff des bösen Buben im Rock

Am 2. Februar vor 25 Jahren ging im Alter von nur 22 Jahren eine der schillerndsten Gestalten der Musikgeschichte an einer Überdosis Heroin zugrunde. Sid Vicious, der Bassist der britischen Punk-Begründer "Sex Pistols" ("God Save The Queen") war und ist der Inbegriff des bösen Buben im Rock.


Wien – "Sid war ein abscheulicher, widerwärtiger, arroganter, zutiefst untalentierter, verlorener, einsamer Verlierer. Er war weder der Welt bester Musiker oder auch nur ansatzweise ein Denker, noch ein Gentleman oder Rollenmodell – aber er war die fleischgewordene Verkörperung sowohl der großen Hoffnungen als auch der traurigen Realität einer Szene, die damals absolut alles veränderte."

Der New Musical Express bringt es auf den Punkt. Als John Simon Ritchie alias Sid Vicious vor 25 Jahren am 2. Februar 1979 in New York an einer Überdosis Heroin starb, ging mit ihm nicht nur der Punkrock als solcher zugrunde. Mit seinem Tod begann auch die tragische, selbstzerstörerische, also bestens zur Idolisierung geeignete Legende Sid Vicious ein posthumes Eigenleben zu entwickeln.

Menschen, die in der Musik immer noch nach Aufruhr, Umsturz und Gefahr suchen – und es gibt dafür nach wie vor auch wider besseres Wissen gute Gründe –, verklären den nur 22 Jahre alt gewordenen Briten aus den tristen Vororten Londons bis heute zu einer Lichtgestalt der Subkultur. Ein drogenkranker, sozial schon allein durch seine Junkie-Mutter geschädigter Verlierer, der weder sein Instrument noch sich selbst beherrschte, als großer Toter der Rockgeschichte?

Tatsächlich stand Sid Vicious als erst spät zur Band gekommener Bassist der Sex Pistols um Sänger Johnny Rotten zumindest kurze Zeit für eine Revolte, die Ende der 70er Jahre mit aggressiver Härte und sarkastischem Spott gegen "das System" anrannte. Dieses ließ sich von dieser Raserei gegen Gott, das britische Königshaus und überhaupt die ganze Welt zumindest zwei Jahre erheblich verunsichern: "Anarchy in the UK!" Eins in die Fresse, mein Herzblatt.

Von den späten 60er Jahren herauf segelte man in der Ersten Klasse der populären Musik zunehmend satt und selbstzufrieden Richtung Hochkultur und Gutes, Wahres und Schönes. Man widmete sich protzigen E-musikalischen Lautmalereien, hörte auf Namen wie Pink Floyd oder Genesis. Und als Led Zeppelin oder Rolling Stones verhöhnte man selbst noch den Dreck und Blues der Straße in Privatjets und in Sportstadien. Deshalb machte sich ab 1976 unten im fauligen Bauch des Schiffes zunehmend Unmut breit.

Keine Perspektive

Mit primitivem Rock'n'Roll und mit blankem Hass statt Friede, Freude, Platin-Card sollte hier endlich wieder in den kleinen Clubs vor gleichgesinnten und um nichts als die Helden oben auf der Bühne schlechter gestellten Losern ohne Jobs und Perspektiven die Frustration weggebrüllt werden: "I'm dirt – and I don't care!", "Search and destroy!", die von Punk-Vorbereiter Iggy Pop geborgten Slogans wurden von Sex Pistols- Sänger Johnny Rotten und dem vom klassischen Situationismus der Kunstszene geprägten Manager Malcolm McLaren zu "No future!" hingebogen. Gerade das britische Inselreich war entsetzt.

Nachdem 1977 das Debüt der Sex Pistols, Nevermind The Bollocks Here's The Sex Pistols noch mit dem Originalbassisten Glen Matlock erschienen war, ging nach dessen Hinauswurf der Anfang vom Ende erst richtig los. Rotten bestand darauf, seinen besten Freund, den in der Szene wegen seiner Gewalttätigkeit berüchtigten Sid Vicious in die Band zu holen. Der konnte zwar gerade einmal mit der Bassgitarre auf das Publikum einprügeln und hatte schon zu diesem Zeitpunkt schwerste Probleme mit harten Drogen. Die Fotos davon gingen allerdings um die Welt.

Nach einer chaotischen US- Tournee verließ Rotten im Januar 1978 die Band. Malcolm McLaren versuchte die restlichen Pistols noch durch The Great Rock'n'Roll Swindle und allzu billige Geschmacklosigkeiten wie Belsen Was A Gas zu treiben. Er wollte den Untergang als geplantes, glorreiches Scheitern hinstellen, wovon vor allem das Video zu Frank Sinatras My Way zeugt. In dem schießt am Ende Vicious von der Showtreppe herab angewidert ins Publikum und torkelt aus dem Leben.

Im Oktober '78 findet man neben Vicious in einem Hotelbett in New York seine Freundin Nancy Spungen, getötet durch mehrere Messerstiche. Der völlig zugedröhnte Sid Vicious wird wegen Mordverdacht verhaftet. Bis heute ist unklar, ob tatsächlich er oder nicht ein Dealer die Tat verübte. Am 1. Februar wird er gegen Kaution entlassen. Am 2. Februar setzt er sich eine Überdosis Heroin und stirbt.

Johnny Rotten ist jetzt 25 Jahre danach gerade in das britische Dschungel-Camp der Reality-Soap Ich bin ein Star – holt mich hier raus! eingezogen. Irgendwo dazwischen geht der Geist des Punk um. (DER STANDARD, Printausgabe, 31.1/1.2.2004)

Von
Christian Schachinger
  • Sid Vicious, böser Bube und Bassist der britischen Punk-Band "The Sex Pistols", ein Jahr vor seinem Tod am 2. 2. 1979 bei einem Livekonzert in den USA. Nicht nur die Guten sterben immer zuerst.
    foto: virgin

    Sid Vicious, böser Bube und Bassist der britischen Punk-Band "The Sex Pistols", ein Jahr vor seinem Tod am 2. 2. 1979 bei einem Livekonzert in den USA. Nicht nur die Guten sterben immer zuerst.

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