Köpferollen an der Spitze der BBC

30. Jänner 2004, 16:25
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Nach Vorstandsvorsitzendem Gavyn Davies trat auch Senderchef Greg Dyke zurück

Nach der scharfen Kritik des Untersuchungsrichters Lord Brian Hutton an der Irak-Berichterstattung der BBC ist am Donnerstag auch der Chef des britischen Senders, Greg Dyke, zurückgetreten. Zuvor hatte BBC-Vorstandsvorsitzender Gavyn Davies aufgegeben. Weitere Rücktritte - etwa des Reporters Andrew Gilligan - wurden nicht ausgeschlossen.

Davies und Dyke hatten dem Reporter Andrew Gilligan den Rücken gestärkt, statt die Fehler in seiner Geschichte zu korrigieren. Gilligan hatte Blairs Pressestab vorgeworfen, ein Dossier über irakische Waffen wider besseres Wissen aufgepeppt zu haben. Noch im Juli stellte sich die BBC-Spitze ohne Abstriche hinter ihn.

Lord Hutton kündigte außerdem Ermittlungen über die Vorabveröffentlichungen aus seinem Bericht an. Er leitete eine "dringliche Untersuchung" ein, weil die Boulevardzeitung The Sun bereits Stunden vor der Verlesung des Berichts Auszüge daraus vorab veröffentlicht hatte.

Der Guardian vergleicht das Urteil von Lord Hutton mit einem Theaterstück: Würde es im Londoner West End aufgeführt, käme angesichts seines regierungsfreundlichen Tons nur ein Titel infrage: "Whitewash". Hutton, so der Tenor der Zeitungen, habe sich zwar gut - und mit viel Sympathie - ins Räderwerk des Kabinetts hineingefühlt, für die Arbeit der Medien aber fehle ihm jedes Verständnis.

Es sind zwei Fragen, um die sich der Zank dreht. Erstens: Darf die BBC wie bisher als einziger Sender Gebühren einziehen? Oder haben auch Konkurrenten, etwa das Pay-TV "BSkyB" des Medienmoguls Rupert Murdoch, Anspruch auf den Kuchen? Und zweitens: Wer kontrolliert die BBC?

Tessa Jowell, in Blairs Mannschaft zuständig für die Medien, verlangt, dass der Hutton-Report künftig als Lehrmaterial verwendet wird. Sie möchte die BBC unter die Aufsicht eines neuen Hauptverantwortlichen stellen. Ein Sender, der ungenaue Storys nicht berichtigen kann, müsse zwangsläufig von außen kontrolliert werden.

"Nicht einknicken!", ruft Martin Bell, ein 65-jähriger Reporterveteran, in Saigon, Beirut und Sarajewo erprobt, seinen BBC-Kollegen zu und übt demonstrativ den Schulterschluss. Im Zuge von Kriegen, wenn britische Soldaten marschierten, so Bell, sei die BBC von den Regierenden doch immer unter Druck gesetzt worden: so geschehen Suez 1956, Falklandinseln 1982, Irak 2003. Unabhängigkeit gehe über falsch verstandenen Patriotismus. (DER STANDARD, Printausgabe 30.1.2004)

Frank Herrmann aus London
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    BBC-Chef Greg Dyke trat zurück.

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