Kopf des Tages: Bescheidener Chef der Geheimdienste

30. Jänner 2004, 18:53
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In der großen "Waschmaschine", dem Bundeskanzleramt mit dem Riesen-Bullauge in Berlin, leitet er die Abteilung 6: Bundesnachrichtendienst, Militärischer Abschirmdienst, Bundesamt für Verfassungsschutz – alles in einer Hand. Ernst Uhrlau ist der Geheimdienstkoordinator im deutschen Kanzleramt, ein Karrierebeamter, der sein an Erfolgen nicht eben armes Berufsleben nun auch mit einer ungewöhnlichen Leistung auf dem Feld der Außenpolitik zieren kann. Uhrlau war es, der den bisher größten Gefangenenaustausch zwischen Israel und der Hisbollah-Miliz im Libanon verhandeln ließ.

Der gebürtige Hamburger quittierte diesen Prestigegewinn für Berlin mit der ihm eigenen Zurückhaltung. Ein Glas werde er erheben und darauf anstoßen, hat Uhrlau angekündigt und hinzugefügt: "Der Bundesnachrichtendienst hat als ehrlicher Makler vermittelt." Denn die eigentliche Verhandlungsarbeit erledigten eher der BND und‑ dessen Chef August Henning, der zwischen Beirut, Teheran, Zypern und Israel hin- und herflog.

Uhrlaus Sinn fürs Unprätentiöse hebt sich wohltuend von seinem Vorgänger Bernd Schmidbauer ab, dem Geheimdienstkoordinator in den letzten Jahren der Kohl-Regierung, der sich in den deutschen Medien gern als "008" bezeichnen ließ und im Übrigen auch schon mit der Hisbollah verhandelt hatte. 1996 erreichte er die Freilassung zweier Israelis, 1998 die Übergabe der sterblichen Überreste dreier weiterer israelischer Soldaten. Auf Schmidbauers Erfolge und Kontakte konnte Uhrlau aufbauen.

Dem heute 58-Jährigen eilte bereits bei seiner Ernennung zum Geheimdienstkoordinator 1998, nach dem Antritt der rot-grünen Bundesregierung, der Ruf eines geschickt agierenden Verfassungsschutzprofis voraus, zudem mit den richtigen Ansichten: SPD-Parteibuch und Sorge um die demokratische Kontrolle der Geheimdienste. Uhrlau, der in Hamburg Politikwissenschaften studierte und dort auch den größten Teil seiner beruflichen Laufbahn absolvierte, war zunächst Lehrer an der Hamburger Polizeischule und wechselte dann in das Büro des Innensenators der Hansestadt.

Anfang der 80er-Jahre trat Uhrlau, Vater zweier Söhne, in das Landesamt für Verfassungsschutz ein und blieb dort 15 Jahre. Seine Bereitschaft zu öffentlich und kontrovers geführten Diskussionen – Hamburg war ähnlich wie Berlin ein Zentrum linksextremer Gruppen, die den Staat herausforderten – machte ihn zu einem über Deutschland hinaus bekannten Verfassungsschutzexperten. Als oberster Polizist der Stadt (Uhrlau wurde 1996 Polizeipräsident) manövrierte er den Sicherheitsapparat aus einer Vertrauenskrise: Polizeibeamte hatten systematisch Ausländer geprügelt.

(Markus Bernath/DER STANDARD, Printausgabe, 30.1.2004)

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