"Das mit dem 'sich aufs Klo verdrücken' stimmt einfach nicht"

16. April 2004, 16:51
50 Postings

Fischer-Sprecher Bruno Aigner verteidigt im derStandard.at- Interview seinen Chef - In der Kreisky- Wiesenthal-Affäre habe die SPÖ "aus heutiger Sicht fragwürdig" agiert

Bruno Aigner ist langjähriger Sekretär des SPÖ-Kandidaten für die BundespräsidentInnen-Wahl, Heinz Fischer. Im derStandard.at-Interview verteidigt er seinen Chef gegen Vorwürfe, er habe sich in kritischen Momenten stets "verdrückt". Aigner ist zuversichtlich, dass sich sein Chef gegen Ferrero-Waldner durchsetzen wird, fügt aber hinzu: "Man soll das Fell des Bären nicht schon verteilen, bevor er erlegt ist." Eine erneute Hungerstreik-Drohung, sollte es Fischer nicht schaffen, hält Aigner nicht für sinnvoll. Bei einem möglichen Umzug in die Hofburg würde er die Jeans nicht ausziehen. Mit dem SPÖ-Querdenker sprach Rainer Schüller.

***

derStandard.at: Wer wird der bzw. die nächste BundespräsidentIn?

Aigner: Wer am Wahlabend die meisten Stimmen hat, wobei ich sehr zuversichtlich bin, dass Heinz Fischer als Erster durchs Ziel laufen wird.

Warum? Ich vertraue darauf, dass sich letztendlich Qualität gegen Quantität, Sein gegen Schein durchsetzt. Heinz Fischer verfügt über politischen Tiefgang und einen politischen Reifegrad, der unserem Land in einer sehr unruhigen Zeit guttun würde.

Ein Leitfaden in seinem Denken ist die einfache, aber umso eindrucksvollere Einsicht Sir Karl Poppers aus seinem Jahrhundertbuch "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde", dass "ich mich irren kann, dass Du recht haben kannst und dass wir zusammen vielleicht der Wahrheit auf die Spur kommen werden", eine Einsicht, aus der Besonnenheit und Ausgewogenheit folgt – Heinz Fischer verfügt darüber.

derStandard.at: Wie schätzen Sie die Chancen zwischen Fischer und Ferrero prozentmäßig ein?

Aigner: Eine prozentmäßige Einschätzung übergebe ich wenige Tage vor der Wahl in einem verschlossenen Kuvert einer Vertrauensperson. Nur so viel: Ich bin optimistisch, die eigenen Reihen sind motiviert, weil sie hungrig auf einen Wahlerfolg sind und über die SPÖ hinaus gibt es viel Zustimmung und viele positive Zurufe.

derStandard.at: Sie arbeiten seit fast dreißig Jahren an der Seite von Heinz Fischer. Kritiker werfen ihrem Chef vor, dass er sich bei heiklen SPÖ-Entscheidungen des öfteren auf das Klo verdrückt haben soll. Stimmt es, dass er das WC häufiger besetzte?

Aigner: Das mit dem "sich aufs Klo verdrücken" stimmt einfach nicht. Eine eigene Meinung in einer heiklen Frage zu haben, ist das Gegenteil von "verdrücken". Ich konnte Heinz Fischer lange Zeit beobachten und habe von ihm gelernt, dass in der Politik die kurzatmige Schlagzeile nicht alles ist.

Es ist das Denken in Alternativen, das Abwägen im Sinne Karl Poppers, es sind die Zwischentöne, die verschiedenen Schattierungen, die nicht nur im Leben, sondern auch in der Politik wichtig sind. Ein Kennzeichen der Demokratie ist, dass extreme Positionen, die notwendig sind, um eine Gesellschaft voranzutreiben, letztendlich zu umsetzbaren Kompromissen zusammengeführt werden müssen.

Mit anderen Worten: Ich war immer froh, dass Heinz Fischer in der Politik einen längeren Atem gehabt hat als andere und nicht in populistischer Manier jedem Windstoß und jeder Schlagzeile gefolgt ist.

derStandard.at: Wie haben Sie Fischer in kritischen Situationen erlebt?

Aigner: Er hat in kritischen Situationen immer überlegt agiert.

Ein Beispiel ist die Abspaltung von Heide Schmidt & Co von Jörg Haider und die Klubbildung des LIF im Februar 1993. In dieser Frage wurde Heinz Fischer von Haider und der FPÖ massiv attackiert und beschuldigt, die Klubbildung aus taktischen Gründen zugelassen zu haben.

Es ist ihm aber gelungen, das Präsidium des Nationalrates (u.a. Robert Lichal) von der Stichhaltigkeit seiner Interpretation der Geschäftsordnung zu überzeugen und letztendlich hat ihm auch der Verfassungsgerichtshof Recht gegeben. Diese Tage im Februar und März 1993 waren hektisch, da musste man kühlen Kopf bewahren und Heinz Fischer hat das getan.

derStandard.at: Fischer hat zuletzt gemeint, dass er heute bei der "Kreisky-Wiesenthal-Affäre" von 1975 anders bzw. reifer agieren würde als er das als SPÖ-Klubobmann machte. Wie beurteilen Sie seinen damaligen Vorschlag, einen Untersuchungsausschuss gegen Wiesenthal, dem Kreisky Mafiamethoden vorwarf, einzuberufen?

Aigner: Heinz Fischer wurde mitten im Sturm der Kreisky-Wiesenthal-Affäre zum geschäftsführenden Klubobmann bestellt. Auf der einen Seite stand der politische Übervater Bruno Kreisky, der aus verschiedenen Gründen voll Emotionen war; auf der anderen Seite ging es um Deeskalation und Löschen des Brandes.

Fischer, Benya und anderen erschien der Ausweg Untersuchungsausschuss gangbar, eine Vorgangsweise, die dann bekanntlich nicht realisiert wurde und aus heutiger Sicht fragwürdig war. Das ganze passierte vor fast 30 Jahren und heute kann und soll man eine andere Sicht der Dinge haben.

Simon Wiesenthal wurde damals sicherlich Unrecht getan, weil die Angriffe Bruno Kreiskys übers Ziel geschossen haben. Der Sonnenkönig war eben nicht nur eine politische Ausnahmeerscheinung und auch für mich ein politischer Ziehvater, sondern er war auch ein "Mensch mit seinem Widerspruch". Alle Selbstgerechten sollten sich heute auf die Brust klopfen, was die Kreisky-Wiesenthal-Affäre betrifft.

derStandard.at: Vor zwei Jahren hatte Nationalratspräsident Fischer nach dem Trubel um Jörg Haiders Irak-Reisen eine Parlamentarier-Reise nach Nordkorea verschoben. Denken Sie, dass er diese als Bundespräsident nachholen könnte?

Aigner: Heinz Fischer wurde vor zwei Jahren u.a. auch von UN-Generalsekretär Kofi Annan ermuntert, Südkorea und Nordkorea zu besuchen, weil jedes Gespräch mit beiden Seiten und die Kenntnis beider Standpunkte zu einer Deeskalation eines jahrzehntelangen Konfliktes beitragen kann.

Die Reise wurde dann aus verschiedenen Gründen abgesagt, wobei einer davon der Trubel um Jörg Haiders Irak-Reise war und damit verbunden die Gefahr, dass eine auch von Annan empfohlene Reise nach Nordkorea in einen Topf mit der unnötigen Irak-Reise Jörg Haiders geworfen werden würde. Es hat sich die Frage gestellt, ob sich das auszahlt und sie wurde mit Nein beantwortet.

Im übrigen hat es viele hochrangige Politiker gegeben, u.a. eine Delegation der Europäischen Union und Mitglieder des US-Kongresses, die seither Nordkorea besucht haben. Denn auch in diesem Fall kann man die Frage stellen, ob das Prinzip "Wandel durch Annäherung bzw. Handel" nicht vernünftiger ist als Ausgrenzung. Wenn ich mir zusätzlich die jüngsten Bemühungen von US-Seite und der Atomenergiebehörde ansehe, dann komme ich zum Schluss, dass es keine Schande ist, den Versuch zu unternehmen zu reden, zuzuhören. Auch mit Nordkorea im Wissen über den Charakter der nordkoreanischen Führung.

derStandard.at: Außenministerin Ferrero-Waldner lässt das Wahlvolk per Weblog an ihren täglichen Erlebnissen teilhaben. Wird auch Heinz Fischer einen Weblog einrichten?

Aigner: Wir sind dabei, einen neuen intelligenten und spannenden Internetauftritt zu gestalten, der in den kommenden zwei Wochen vorgestellt wird. Ob darin ein Weblog enthalten ist, kann ich noch nicht sagen. Zum Weblog der Frau Außenministerin will ich mich nicht äußern.

derStandard.at: Wird die SPÖ Ernst Hofbauer auf Grund seines Buches "Heinz Fischer - Der Mann im Schatten" klagen? Entsprechen die lobenden Worte aus dem Komitee für Ferrero-Waldner für das Buch dem Fairness-Abkommen?

Aigner: Eine Klage wird noch immer geprüft, wobei ich dazu sagen muss, dass Heinz Fischer noch nie geklagt hat. Dieses Buch des amtsbekannten Autors richtet sich jedoch von selbst. Wenn sich Mitglieder des Komitees für Benita Ferrero-Waldner dazu positiv äußern, regt mich das nicht auf.

derStandard.at: Was tun Sie selbst, sollte Fischer Bundespräsident werden? Ziehen sie mit in die Präsidentschaftskanzlei ein?

Aigner: Ich bin zuversichtlich, dass Heinz Fischer gewinnt. Der Präsident ist bereits ein guter Präsident und wird das auch in Zukunft sein. Aber bei einer Wahl ist das wie im Fußball: Man muß siegessicher und mit Offensivgeist auf das Spielfeld laufen und muß jeden Gegner ernst nehmen und aus einer gesicherten Abwehr heraus angreifen. Wir nehmen jeden Gegner – im konkreten Fall – die Gegnerin – ernst. Im übrigen soll man das Fell des Bären nicht verteilen, bevor man ihn erlegt hat. Und da mein Lieblingsplatz in Wien der Volksgarten ist und ich bereits einige Zeit im Parlament arbeite, ist mir die Gegend rund um den Ballhausplatz, die Hofburg und das Parlament sehr vertraut.

derStandard.at: Würden Sie in der Hofburg einen Anzug tragen?

Aigner: Im Fall des Falles - und ich klopfe drei Mal auf Holz - würde sich an meiner Kleidung nichts ändern: Schwarze Levis-Jeans 501, schwarzes Polo-Shirt und Sakko.

derStandard.at: Was tun Sie, sollte jemand anders BundespräsidentIn werden – Treten Sie in den Hungerstreik?

Aigner: Meine Androhung eines Hungerstreiks im Fall, dass die SPÖ nach der letzten Nationalratswahl als Juniorpartner mit der ÖVP koaliert, hat ja – ohne überheblich zu sein - Wirkung gezeigt: Die SPÖ hat sich nicht unter das Joch der ÖVP begeben.

Die WählerInnen würden sich am 25. April durch die Androhung eines Hungerstreiks sicherlich nicht beeindrucken lassen. Ich gehe daher davon aus, dass ich durch den Einsatz in der Wahlwerbung schlank bleibe und daher am Wahlabend mit einer großen Portion Schinkenfleckerl und Rotem feiern kann.

Zur Person

Bruno Aigner ist seit fast 30 Jahren Sekretär von Heinz Fischer und begleitet ihn auch im Wahlkampf um die Hofburg als Pressesprecher. In der SPÖ gilt er als Querdenker. Nach der letzten Nationalratswahl hatte Aigner einen Hungerstreik angekündigt, hätte sich die SPÖ als zweiplatzierte Partei auf eine Koalition mit der ÖVP eingelassen.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Bruno Aigner ist zuversichtlich, dass er "am Wahlabend mit einer großen Portion Schinkenfleckerl und Rotem feiern kann".

Share if you care.