Missbrauch, wenn die Erinnerung täuscht

29. Jänner 2004, 21:33
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Experten warnen vor Anschuldigungen, die während einer Psychotherapie entstehen

Den Haag - Als das Ehepaar A. aus den Ferien nach Hause kam, traute es seinen Augen nicht. Ihre 32-jährige Tochter, die seit zehn Jahren mit einem Freund zusammenlebte, war weg, im Wohnzimmer lag ein Abschiedsbrief: Ihr Vater habe sie in ihrer Jugend vergewaltigt, schilderte die Frau darin ausführlich. Als Herr A., der sich keiner Schuld bewusst war, den Brief durchgelesen hatte, erlitt einen Herzinfarkt.

Bei der niederländischen "Arbeitsgruppe fiktive Erinnerungen" kennt man zahllose solcher Beispiele. Die Folgen: jahrelange Prozesse und zerrüttete Familien. In den Neunzigerjahren tobte auch in den Niederlanden ein Kalter Krieg zwischen zu Unrecht Beschuldigten und Psychotherapeuten. Die Therapeuten standen unter dem Verdacht, den Patienten ihre Beschuldigungen eingeflüstert zu haben.

1998 klagte die Organisation zu Unrecht Beschuldigter beim niederländischen Bürgerombudsmann, das Gesundheitsministerium tue zu wenig, zur Klärung beizutragen. Dieses wandte sich an den Gesundheitsrat, der Regierung und Parlament in Fragen der Gesundheitspolitik berät und die renommiertesten Experten des Landes versammelt.

Keine bewusste Lüge

Nach drei Jahren hat der nun seinen Bericht vorgelegt. Der Tenor: Richter sollten extreme Vorsicht walten lassen, wenn sie mit Anklagen wegen sexuellen Missbrauchs in der Vergangenheit zu tun haben, die durch Therapien ans Tageslicht gekommen sind. Es sei erwiesen, dass Patienten auch traumatische Erfahrungen im Bezug auf Ereignisse erleiden könnten, die nie stattgefunden hätten.

Das bedeute keineswegs, dass diese Patienten bewusst lögen. Für sie sei es - bis auf gewisse Ausnahmen - fast irrelevant, ob das Ereignis, unter dem sie leiden, real gewesen sei oder nicht. Untersuchungen Mitte der Neunzigerjahre ergaben, dass jährlich rund 40 Beschuldigungen bei den Behörden eingingen, die auf fiktiven Erinnerungen über Missbrauch basierten.

Manipulative Methoden

Auch die Behauptung, Therapeuten würden durch manipulative Methoden ihre Patienten dazu bringen, fiktive Traumata zu erzählen, widerlegt der Report. Einige in der Wissenschaft umstrittene Methoden wie Hypnose könnten allerdings die Neigung von Patienten zu "fiktiven Erinnerungen" verstärken.

Für die Justiz seien deshalb die Aussagen von so traumatisierten Patienten nur mit größter Zurückhaltung verwertbar. Therapeuten sollten vermeiden, über ihre Patienten als Zeugen oder Sachverständige vor Gericht auszusagen. Das schade dem Vertrauen des Patienten und der Wahrheitsfindung. Therapeuten seien nur selten in der Lage, aus ihrer Sachkenntnis heraus festzustellen, ob ein Trauma, das ihr Patient durchlebt, auch tatsächlich stattgefunden habe.

Späte Erinnerung

Der Glaube, bestimmte Leiden ließen selbst dann auf den Kindesmissbrauch schließen, wenn der Patient selbst gar nicht davon spreche, sei ein unhaltbares Dogma. Allerdings sei es durchaus möglich, dass Patienten Missbrauchserfahren vergessen und sich erst nach einiger Zeit wieder daran erinnerten.

Untersuchungen in den USA hätten gezeigt, dass die Erinnerung an verdrängte oder vergessene Traumata in den meisten Fällen durch entsprechende Fernsehsendungen und nur zu 14 Prozent bei Therapiesitzungen wieder aufgetaucht sei. (Klaus Bachmann aus Brüssel, DER STANDARD Printausgabe 29.1.2004)

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