Rufe nach Comeback Zemans

29. Jänner 2004, 19:32
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Tschechiens Expremier soll Sozialdemokraten vor Fiasko bewahren

Bei Tschechiens Sozialdemokraten mehren sich Stimmen für eine Rückkehr des ehemaligen Premierministers Milos Zeman in die aktive Politik. Die stärkste Regierungspartei zittert heuer drei wichtigen Wahlgängen entgegen: den Europawahlen im Juni sowie den Regional- und Senatswahlen im November. Laut Umfragen drohen den Sozialdemokraten dabei empfindliche Niederlagen, vor allem zugunsten der Kommunisten. Der in der Bevölkerung immer noch beliebte Zeman ist nach Meinung vieler prominenter Parteigenossen einer der wenigen, die diesen Negativtrend könnten.

Milos Zeman hat nach den letzten Wahlen vom Juni 2002 der Politik offiziell den Rücken gekehrt und sich auf sein Landhaus nahe Jihlava (Iglau) zurückgezogen. Seine Politikabstinenz währte jedoch nicht lange. Mit oft bissigen Kommentaren in Richtung seines Nachfolgers an der Spitze von Partei und Regierung, Vladimír Spidla, sorgte Zeman für stetige Medienpräsenz. Im Februar vergangenen Jahres ließ er sich dann gegen den Willen Spidlas zum Präsidentschaftskandidaten seiner Partei küren, schied jedoch bereits in der ersten Wahlrunde aus. Über den rechtskonservativen Amtsinhaber Václav Klaus war er jüngst in einem Interview voll des Lobes.

Mit Zemans Person verbinden viele Sozialdemokraten nicht nur die größten Erfolge in der neueren Parteigeschichte, sondern dank seines Hanges zu populistischen Gesten auch die Chance, tief ins traditionelle kommunistische Wählerreservoir vorzudringen.

Zeman gilt aber auch als möglicher künftiger EU-Kommissar Tschechiens. Die Sozialdemokraten haben zwar vorerst gegen den Willen der Koalitionspartner ihren Kandidaten, den früheren Umweltminister Milos Kuzvart, durchgesetzt, doch deutet vieles darauf hin, dass Kuzvart lediglich eine Übergangslösung sein könnte. Nach den Europawahlen könnte er dann in der neu zu bestellenden Kommission durch jemand anderen ersetzt werden.

Nach wie vor intakt sind aber auch die Chancen Zemans, erneut als Präsidentschaftskandidat aufgestellt zu werden, insbesondere wenn - wie von den drei Regierungsparteien vorgesehen - die Direktwahl eingeführt wird. (DER STANDARD, Printausgabe, 29.1.2004)

Robert Schuster aus Prag
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