Opulentes Zwitschern

28. Jänner 2004, 19:18
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Premiere von Walter Braunfels' Oper "Die Vögel" in Genf. Eine üppige Version des von den Nazis einst diffamierten poetischen Märchen-Singspiels

Premiere von Walter Braunfels' Oper "Die Vögel" am Grand Théâtre in Genf: Der Regisseur Yannis Kokkos entwirft eine üppige Version des von den Nazis einst diffamierten poetischen Märchen-Singspiels.


Genf - Im Grand Théâtre der kalvinistischen Hochburg Genf baut Regisseur, Bühnen-und Kostümbildner Yannis Kokkos ein geometrisch abstrahierendes Wolkenkuckucksheim, in dem Die Vögel von Walter Braunfels (1882-1954) lustvoll zwitschernd Aug und Ohr verlocken. Die 1920 in München unter dem Dirigat von Bruno Walter uraufgeführte und bis 1933 höchst erfolgreiche Oper Die Vögel von Braunfels wurde von den Nazis als "entartete Musik" diffamiert und geriet bis 1971 in Vergessenheit.

An der Wiener Volksoper wurde sie 1999 aufgeführt. Es war die Einstandsproduktion der Ära Dominique Mentha. Für den französischen Sprachraum hat nun der Intendant des Genfer Opernhauses, Jean-Marie Blanchard, das aufwändige Werk unter der musikalischen Leitung von Ulf Schirmer erstmals auf den Spielplan gesetzt.

Braunfels "librettierte" selbst sein "lyrisch-fantastisches Spiel in zwei Akten" - frei nach Die Vögel von Aristophanes. Im zweiten Akt verlässt er jedoch die satirische Parabelvorlage zugunsten einer christlichen Fabelwendung, wo die von zwei Menschen (dem Demagogen Ratefreund und seinem romantischen Freund Hoffegut) zur Revolution gegen Zeus aufgehetzten Vögel vom allmächtigen Gott durch ein sintflutartiges Gewitter bestraft werden.

Sich einnisten

Ratefreund (Duccio Dalmonte), des Erdendaseins genauso überdrüssig wie der nach idealistischer Vereinigung mit der Natur strebende Hoffegut (Pär Lindskog), verlässt mit seinem Freund die Menschenwelt, um sich bei den Vögeln einzunisten. Die Nachtigall (die fehlerfrei intonierende, über der Bühne schwebende Marlis Petersen) begrüßt die beiden Aussteiger im Vogelreich.

Ihr Liebesduett mit Hoffegut zu Beginn des zweiten Aktes ist stimmlicher und musikalischer Höhepunkt des poetischen Märchen-Singspiels. Ratefreund überredet den König der Vögel, Wiedhopf, zum Bau der utopischen Stadt Wolkenkuckucksheim, welche die Herrschaft der Vögel über die Menschen und die Götter etablieren soll. Prometheus (Roman Trekel) warnt die Vögel vergeblich vor Zeus.

Im Gegensatz zum (von Bob Wilson beeinflussten) Bühnenbild zeichnete Yannis Kokkos fantasievolle Kostüme für die Vogelwelt. Er spielt mit dem Prinzip des Fracks, dessen Ärmel zu Flügeln werden. Bauchige Brustkörbe mit bunten Westen bringen Farbflecken auf die Bühne, die durch 60 verschiedene Vogelköpfe (die Solisten und Choristen) ergänzt werden. Wiedhopf stelzt wie ein Marquis des 18. Jahrhunderts über die Bühne, umgeben von einer heiteren Vogelschar, die aus dem Schnürboden herunterschwebt oder hüpfend von allen Seiten auftritt.

Visueller Kontrapunkt neben den Menschen in Wanderkleidung ist der Prometheus: ein Marionetten-Riese. Ein Gott in Lehmfarben, von Menschenhand erschaffen und vom Schnürboden aus manipuliert. Ein guter Regieeinfall, der sich als musikalischer Reinfall entpuppt, da der Sänger anfangs nicht sichtbar, was leider heißt: auch nicht hörbar ist.

Werkimmanenter Haken ist die Taubenhochzeits-Pantomime im zweiten Akt, die nach dem Liebesduett zwischen Nachtigall und Hoffegut als Zwischenspiel szenisch abfällt. Kokkos bemüht all seine Fantasie und viele Kunstgeschichtszitate. Wenn dann auch noch der Monologgesang des Prometheus erklingt, wünscht man sich eine aufregendere Lösung vor dem Ende mit Schrecken - das musikalisch versöhnlich ausfällt. Wie überhaupt das Orchestre de la Suisse Romande unter Ulf Schirmer den romantischen Aspekt der Oper privilegiert.

Die Vögel ist - mit Parsifal - die aufwändigste der jährlich acht Produktionen des Genfer Grand Théâtre, das mit einem Budget von 49 Mio. Schweizer Franken (davon 33 Mio. Subvention und Hilfe der 400.000-Einwohner-Stadt Genf plus Mäzenatentum) die kostenintensivste kulturelle Einrichtung der französischen Schweiz darstellt. (DER STANDARD, Printausgabe vom 29.1.2004)

Von
Olga Grimm-Weissert
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