Davies geht nach Hutton-Bericht

29. Jänner 2004, 19:45
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Senderchef: "Ich kann mir meine Schiedsrichter nicht aussuchen"

Der Chef der britischen Rundfunkgesellschaft BBC ist am Mittwoch zurückgetreten, nachdem Lordrichter Brian Hutton der BBC-Führung mangelnde Sorgfalt in einem regierungskritischen Bericht vorgeworfen hatte. Der Sender entschuldigte sich für den Bericht, in dem der Regierung eine bewusste Übertreibung der vom Irak ausgehenden Gefahr unterstellt worden war.

"Sie haben das letzte Wort"

Die Sendung "BBC News 24" meldete, dass Senderchef Gavyn Davies als Folge des Hutton-Berichts zurücktrete. "Ich kann mir meine Schiedsrichter nicht aussuchen", sagte Davies in seiner Rücktrittserklärung. "Sie haben das letzte Wort."

Hintergründe des Todes des Waffenexperten untersucht

Lordrichter Hutton untersuchte die Hintergründe des Todes des Waffenexperten David Kelly. Dem war ein Bericht des BBC-Journalisten in Andrew Gilligan vorausgegangen, in dem behauptet wurde, die Regierung habe wider besseren Wissen auf der Feststellung beharrt, der Irak könne innerhalb von 45 Minuten Massenvernichtungswaffen abfeuern. Die USA und Großbritannien hatten den Irak-Krieg mit einer Bedrohung durch irakische Massenvernichtungswaffen begründet. Als Quelle dieses Vorwurfs wurde Kelly ausgemacht und dessen Name vom Verteidigungsministerium der Presse preisgegeben. Kelly hatte sich kurz darauf die Pulsadern aufgeschnitten.

Bericht nicht gründlich genug überprüft

Hutton warf der BBC vor, sie habe den Irak-Bericht ihres Reporters Gilligan nicht gründlich genug überprüft. "Die BBC akzeptiert, dass gewisse Behauptungen, die von Andrew Gilligan im Programm "Today" am 29. Mai des vergangenen Jahres aufgestellt wurden, falsch waren, und wir entschuldigen uns dafür", erklärte BBC Generaldirektor Greg Dyke.

Blair freigesprochen

Der britische Premierminister Tony Blair dagegen wurde im Kelly-Untersuchungsbericht von allen Vorwürfen freigesprochen. Wie aus dem von Lordrichter Hutton am Mittwoch in London vorgelegten 328 Seiten starken Dokument hervorgeht, trifft Blair keinerlei Schuld am Selbstmord des Waffenexperten Kelly im vergangen Sommer. Auch der zentrale Vorwurf, die Regierung habe die Bedrohung durch angebliche Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins im Vorfeld des Irak-Krieges aufgebauscht, wurde von Lord Hutton als "unbegründet" zurückgewiesen. "Dieser Bericht lässt keinen Raum für Zweifel oder Interpretationen", sagte Blair anschließend im Unterhaus.

"Unglaublich dankbar"

Blair hatte sich zuvor im Parlament "unglaublich dankbar" und erleichtert über den Bericht zu den näheren Umständen zum Tod Kellys gezeigt. Der Regierungsberater und ehemalige UNO-Waffeninspektor im Irak war die angebliche Quelle für den umstrittenen BBC-Bericht zu den Waffen Saddams. Im Verlauf des folgenden Streits zwischen der BBC und der Regierung nahm er sich das Leben, nachdem sein Name vom Verteidigungsministerium an die Medien gegeben worden war.

Keine "hinterhältige Strategie"

Hutton stellt in seinem Bericht fest, dass die Regierung bei der Freigabe des Namens von Kelly keine "hinterhältige Strategie" verfolgt habe. Auch der Vorwurf des BBC-Korrespondenten Gilligan, die Regierung habe in ihr Waffendossier zum Irak absichtlich übetrieben, wurde von Hutton zurückgewiesen.

Das Verteidigungsministerium unter Leitung von Geoff Hoon wurde in dem Bericht dafür kritisiert, dass es ihren Angestellten Kelly nicht frühzeitig über die Weitergabe seines Namens an die Presse informiert hatte. "Das Verteidigungsministerium hat Kelly im Stich gelassen", sagte Hutton.

BBC ausdrücklich kritisiert

Die Rundfunkanstalt BBC wurde von dem Lordrichter ausdrücklich kritisiert. So seien die Angaben Gilligans von dessen Vorgesetzten nicht ausreichend überprüft worden. "Die Behandlung des Irak-Berichts durch die BBC war fehlerhaft", stellte Hutton fest.

Blair selbst hatte Hutton im Sommer vergangenen Jahres damit beauftragt, die näheren Umstände des Selbstmordes von Kelly aufzuklären. Im Verlauf der zweimonatigen Untersuchung hatten der Lordrichter und seine Mitarbeiter mehr als 70 Zeugen vernommen. Dazu gehörten Blair, Verteidigungsminister Hoon und auch die Witwe Kellys, Janice. Sie begrüßte am Mittwoch den Hutton-Bericht, fügte aber hinzu: "Einige seiner Ergebnisse unterscheiden sich allerdings von dem, was wir ihm vorgetragen haben." (APA/Reuters/dpa/AFP)

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    Gavyn Davies

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