Rückkehr der "Helden" in den Libanon

30. Jänner 2004, 17:46
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In Beirut wartete man auf das Flugzeug aus Köln, das die von Israel freigelassenen Hisbollah-Kämpfer nach Hause bringen sollte

Normalerweise sammeln sie nur freitags. Doch diese Woche stehen die Hisbollah-Aktivisten schon am Donnerstag an der Corniche, der belebten Mittelmeerpromenade von Beirut, wo unzählige gelbe Fahnen mit aufgedrucktem grünen Maschinengewehr und dem Schriftzug der schiitischen Miliz im Wind flattern. Den vorbeifahrenden Autos halten die Männer Spendendosen ans Fenster, um ein paar libanesische Pfund für die selbst ernannte "nationale Befreiungsbewegung" zu ergattern.

Für die Mitglieder der von den USA als "terroristisch" eingestuften politisch-militärischen Organisation ist jeden Tag Feiertag, seitdem am Wochenende die Freilassung von 23 libanesischen und zwölf weiteren, seit Jahren in israelischen Gefängnissen gefangen gehaltenen Kämpfern der "Partei Gottes" aus anderen arabischen Staaten bekannt gegeben wurde.

Vermittlung des BND

Donnerstagabend wurden die Rückkehrer auf dem Flughafen der libanesischen Hauptstadt erwartet - im Tausch gegen einen israelischen Geschäftsmann und die Leichen von drei israelischen Soldaten (siehe Bericht aus Israel Seite 4). Ausgehandelt wurde der israelisch-libanesische Deal von Angehörigen des deutschen Auslandsgeheimdienstes BND - allen voran der Geheimdienstkoordinator im Bundeskanzleramt, Ernst Uhrlau -, die Monate lang im Libanon, in Israel und im Iran auf die Freilassung der Gefangenen drängten.

Umstritten bleibt, welche Seite am Ende politisch am meisten von dem Gefangenenaustausch profitiert. Während der libanesische Präsident Emile Lahoud den Deal des Bundesnachrichtendienstes als "klare Anerkennung" der Hisbollah durch Israel feiert, sehen andere Stimmen die Rolle der mit zwölf Abgeordneten im Parlament vertretenen Organisation eher geschwächt.

Faustpfand aufgegeben

Damit hat die Hisbollah ihr letztes Faustpfand aus den Händen gegeben", sagte ein europäischer Botschafter in Beirut dem STANDARD. Die Bevölkerung feiert die Heimkehr der Gefangenen auf jeden Fall wie einen Sieg. Seit der Bekanntgabe des Austauschs durch Uhrlau am Samstag liefen die Vorbereitungen für die Rückkehr der Gefangenen auf Hochtouren.

Überall im Land werden Fahnen gehisst und Fotos aufgehängt von den Gesichtern der im Kampf gegen die israelische Besatzung gefallenen "Märtyrer". Vor allem in der an Syrien angrenzenden Bekaa-Ebene im Osten des Vier-Millionen-Landes und in den Grenzdörfern zu Israel in Südlibanon wird die Rückkehr der als "Helden" gefeierten Kämpfer sehnsüchtig erwartet.

Daran, dass es das wahrscheinlich wichtigste Ereignis im Verhältnis der beiden Staaten seit dem Abzug israelischer Truppen aus den nahezu zwei Jahrzehnte lang besetzten südlichen Gebieten im Mai 2000 ist, lassen die libanesischen Zeitungen keinen Zweifel.

Doch Skepsis, ob die Anfang der Achtzigerjahre gegründete schiitische Miliz den Handel mit ihren Hauptfeind Israel politisch überleben wird, gibt es auch: "Jetzt, wo die Gefangenenfrage vom Tisch ist, verliert die Hisbollah ein weiteres ihrer starken Alibis, um die Israelis zu bekämpfen", schreibt etwa Hussain Abdul-Hussain in der englischsprachigen Beiruter Tageszeitung Daily Star. "Es stimmt zwar, dass dadurch ihre panarabische Position gestärkt wird, doch dieser Effekt wird nicht lange anhalten."

Hisbollah-Chef Hassan Nasrallah jedenfalls will trotz der erfolgreich geführten Gespräche eine Rückkehr zur so genannten "Politik des Widerstands" nicht ausschließen. "Die israelische Bedrohung des Libanon besteht fort, und deshalb ist auch unsere Hauptaufgabe weiter gültig." Medien in der arabischen Welt bezeichneten Nasrallah zuletzt wiederholt als "Held der Araber". Sein Vorgänger, Scheich Abbas Hussein Moussavi, war im Februar 1992 bei einem israelischen Angriff auf seinen Autokonvoi im Südlibanon getötet worden. (DER STANDARD, Printausgabe, 30.1.2004)

Von Markus Bickel aus Beirut
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    Der libanesische Gefangene und frühere spirituelle Führer der Hisbollah, Abdel Karim Obeid flankiert von Gefängniswächtern im Gefängnis Romonim. Er ist einer der 23 Libanesen, die im Zuge des Gefangenenaustauschs freikommen.

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    Die Särge mit den Überresten von drei israelischen Soldaten wurden Donnerstag früh von Beirut nach Köln gebracht: zur Identifizierung und Übergabe an Israel. Im Flugzeug war auch der israelische Geschäftsmann Tennenbaum.

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