28.1.:"Blair für immer gebrandmarkt"

30. Jänner 2004, 10:28
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"Daily Telegraph": "Als Mann, der nicht mehr zwischen Schein und Wirklichkeit unterscheiden kann"

London/Stockholm/Moskau

Der konservative "Daily Telegraph" sieht vor dem Hintergrund des Untersuchungsbericht zum Selbstmord des Waffenexperten David Kelly, der am Mittwoch (28.1.) präsentiert wird, den britischen Premierminister Tony Blair "für immer gebrandmarkt", auch wenn er von der Schuld freigesprochen werden würde:

"Auch wenn (...) Lord Hutton ihn nicht ausdrücklich verurteilt, wird Blair in den Augen der Bevölkerung nicht entlastet. Dafür ist es zu spät. Er sieht, um es gelinde auszudrücken, wie ein Mann aus, der sich und seine Position für gewöhnlich künstlich zu einem Grad hochspielt, der Wahnvorstellungen nahe kommt. Er wird möglicherweise formal nicht des ´Lügens´ bezichtigt werden, aber er ist für immer gebrandmarkt als ein Mann, der Worte nur um ihrer Wirkung willen benutzt, der an seine Fantasien über sich selbst glaubt, und der, was am alarmierendsten ist, nicht mehr zwischen Schein und Wirklichkeit unterscheiden kann."

Die Moskauer Tageszeitung "Nesawissimaja Gaseta":

"Die britische Regierung ist nicht in den Krieg gezogen, weil sie so besorgt war wegen der Massenvernichtungswaffen im Irak, sondern um dem US-Präsidenten George W. Bush zu zeigen, dass sie ein zuverlässiger Bündnispartner ist. Deshalb geht die Affäre Kelly über die Umstände seines Todes und über die Debatten im Parlament hinaus. Sie gießt Öl in die Flammen des seit langem währenden Streits, der das Selbstwertgefühl der Briten empfindlich trifft, nämlich wie unabhängig die Londoner Außenpolitik ist."

Die liberale schwedische Tageszeitung "Dagens Nyheter":

"Tony Blair ist ein Politiker, der von Überzeugungen angetrieben wird. Wie alle anderen politischen Führungsgestalten auf höchster Ebene spielt er immer mal wieder ein Spiel. Gleichzeitig aber ist er bereit, einen Preis für das zu bezahlen, woran er glaubt. Dafür ist seine Unterstützung des Irak-Krieges ein leuchtendes Beispiel. Demonstranten füllten die Londoner Straßen. Aber der Premierminister hielt an seiner Linie fest. Dafür muss er nun möglicherweise den Preis bezahlen. (...)

Auch wenn der Hutton-Bericht die Schuld auf viele Schultern verteilt, bekommen Blairs Kritiker kräftige Munition für neue Angriffe. Entscheidend wird nun seine Stärke in der eigenen Partei. Es ist wohl kaum eine Übertreibung zu behaupten, dass diese nicht zugenommen hat durch Blairs Überzeugung, Saddam Hussein sei eine akute Bedrohung gewesen und der Irak-Krieg deshalb berechtigt." (APA/dpa)

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