Krank arbeiten statt krankfeiern

30. Jänner 2004, 19:48
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Mehr als 15.000 Krankenstände allein in Wien, das bedeutet: Die Grippewelle ist da - Viele gehen trotzdem zur Arbeit - Mit Grafik

Mehr als 15.000 Krankenstände allein in Wien, das bedeutet: Die Grippewelle ist da. Viele jedoch, die fiebern, schnäuzen und husten, gehen trotzdem zur Arbeit: Sie fürchten um ihren Job.

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Die praktische Ärztin Erika Trappl im zwölften Wiener Gemeindebezirk erlebt immer öfter Fälle unerklärlich erscheinender Arbeitsbesessenheit. "Völlig verschnupfte Leute wollen sich von mir nicht krankschreiben lassen", sagt Trappl, "ganz so, als hätten sie Angst, als Tachinierer in Verruf zu kommen." Der Ärztin ist klar: Immer mehr ihrer Patienten arbeiten, obwohl sie besser im Bett aufgehoben wären.

Ein Vergleich der Krankenstandsstatistiken des Hauptverbands der Sozialversicherungsträger mit den Arbeitslosenstatistiken untermauert die These der Doktorin: Bei schlechter Konjunktur und - vor allem - hoher Arbeitslosigkeit wird nicht "krankgefeiert", sondern krank gearbeitet: Arbeitnehmer bleiben bei einem "leichten Unwohlsein" immer seltener daheim oder tun sogar grippale Infekte als lässliche Verkühlungen ab.

Bei steigender Arbeitslosigkeit sinkt Zahl der Krankmeldungen

Grippe, Erkältung und Bronchitis zählen zu den Hauptgründen, warum die Österreicherinnen und Österreicher von ihrem Arbeitsplatz fernbleiben. Der Hauptverband zählte im Jahr 2002 fast drei Millionen oder 21,5 Prozent der Krankenstandstage aus einschlägigem Grund. Einzelne daheim verbrachte Fieber- und Schnupfentage, für welche Arbeiter und Angestellte in der Regel keine Krankschreibung brauchen, sind dabei nicht berücksichtigt, Krankmeldungen an Fenstertagen daher nicht erfasst. Nur Erkrankungen des Bewegungsapparats kommen häufiger vor.

Bekannt ist, dass bei steigender Arbeitslosigkeit die Zahl der Krankmeldungen sinkt: Das Rekordtief von 12,4 Krankenstandstagen pro Person im Jahr 2002 war gepaart mit einer gleichzeitigen Arbeitslosenquote von 6,9 Prozent, 2003 ist nach vorläufigen Berechnungen eine Krankenstandssteigerung auf 13,0 bis 13,1 Tage eingetreten.

Zum Vergleich: 1970, in Zeiten der Quasi-Vollbeschäftigung mit nur 1,9 Prozent Menschen ohne Job, blieb jeder Arbeitnehmer im Durchschnitt 15,2 Tage aus Krankheitsgründen daheim. Insgesamt ist die Zahl der Krankenstandstage seit 1990 um 15 Prozent gesunken, pikanterweise jedoch "im geschützten Bereich, also bei den Beamten, nach wie vor mehr oder weniger gleich hoch", betont Dieter Holzweber, Sprecher des Hauptverbandes.

Ältere werden abgebaut

"Die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes ist allgegenwärtig, vor allem bei älteren Arbeitnehmern und Arbeitern", betont Christoph Klein, Leiter der Abteilung Sozialpolitik in der Wiener Arbeiterkammer. Mit minus 10,2 Prozent, so führt er aus, sei die Arbeiterschaft beim Krankenstandsabbau vorneweg.

Klein führt dies vor allem auf die Abschaffung des Entgeltfortzahlungsfonds im Jahr 2000 zurück, der eine Art Rückversicherung gegen zu hohe Kosten für Krankenstände war, in den Arbeitnehmer und Arbeitgeber zu gleichen Teilen einzahlten. "Heute hingegen", sagt Klein, "zahlt jeder Arbeitgeber seine Krankenstände selbst.

Besonders in risikogefährdeten Branchen mit wenig jüngeren Beschäftigten führe dies - so Klein - dazu, dass die Unternehmen sich der Älteren entledigen wollen und entsprechenden Druck ausüben." Die Arbeiterkammer verzeichne "deutlich mehr Kündigungen" älterer Arbeitnehmer sowie Kündigungen aus Krankheitsgründen und während des Krankenstands: "Die Leute werden dann stempeln geschickt und wieder angestellt, wenn sie gesund sind."

Betrieblichen Gesundheitsvorsorge

Auf die enger werdende Kostenspirale reagieren die Unternehmen aber auch mit Gleitzeitmodellen: Ein Versuch, den Mitarbeitern zu erlauben, in ihrer Freizeit zum Arzt zu gehen", sagt Wolfgang Tritremmel, Chef der sozialpolitischen Abteilung der Industriellenvereinigung. Auch Initiativen zur betrieblichen Gesundheitsvorsorge machen Furore: Die Gebietskrankenkassen etwa organisieren Ernährungsberatungen, Raucherentwöhnungsprogramme, Betriebsturnen und Anti-Stress-Seminare.

Letztere hält die Ärztin Trappl für eine gute Sache. Immer wieder nämlich ist sie mit Fällen krasser Arbeitsüberlastung konfrontiert. Ihre berufliche Reaktion: "Wenn jemand zu mir mit einer Erkältung kommt und dabei auch sagt, er sei total gestresst, so schreibe ich ihn auf jeden Fall für ein oder zwei Tage krank."

Dies nämlich sei volkswirtschaftlich vernünftiger, als in weiterer Folge aus Überlastung ein Burn-out-Syndrom zu entwickeln oder aufgrund einer verschleppten Verkühlung mit Lungenentzündung mehrere Wochen im Bett zu liegen. "Außerdem", so ist Trappl überzeugt, "können Patienten, die ich seit 20 Jahren kenne, mir nicht mehr so leicht etwas vormachen." (Irene Brickner, Eva Stanzl/DER STANDARD; Printausgabe, 28.1.2004

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