Die Prämien und die Arbeitslosen

27. Jänner 2004, 20:11
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Zur jüngsten Erregung um Hochhuth

Rolf Hochhuth, seit Wessis in Weimar (1993) der Robin Hood der von der "Treuhand" in die Arbeitslosigkeit geworfenen "Ossis", hat ein Stück über "die Diktatur der Weltwirtschaft" geschrieben. Es heißt sinnigerweise McKinsey kommt und erregt vor der Uraufführung in einem kleinen Theater in der Mark Brandenburg am 13. Februar mehr Aufsehen als (vermutlich) nachher:

Während die Beratungsfirma McKinsey - wo ihre Mr. Propers durchziehen, werden Arbeitsplätze weggewischt - fast alle Premierensitze für ihre Mitarbeiter (oder gegen andere Interessenten?) aufkaufte, reagierte die Deutsche Bank zunächst weniger gut beraten:

Obwohl das Stück schon seit Dezember als Taschenbuch für alle zu lesen war, äußerte sich der Pressesprecher der Bank, Detlev Rahmsdorf, genau an jenem Tag, als der Mannesmann-Prozess mit dem Vorwurf der Untreue gegen "seinen" und aller deutschen Banken Chef Josef Ackermann begann, zum Hochhuth-Stück: Man werde "alle rechtlichen Schritte prüfen". Schon am Tag darauf wurde diese Äußerung zurückgenommen. Aber das schlechte Gerücht bleibt, wie immer in so Fällen.

Hier mal der Anlassfall: ein Sonett. Ja, in Banken liest man Sonette! Leider nicht die von Andreas Gryphius aus dem Dreißigjährigen Krieg oder die aus Rilkes Duino, sondern nur die von Hochhuth. Im Epilog zum ersten Akt steht: "Für Josef Ackermann jährlich 6,95 Millionen Euro. Beirrt/ ihn, dass er 14,31 Prozent Deutsche Banker entlässt?// Die FAZ lehrt A.s rechtlose Opfer als ,Umbau' zu tarnen!/Tritt' A. nur ,zurück' wie Geßler durch - Tell?/ Schleyer, Ponto, Herrhausen warnen."

Interpretation der Bank: Das sei ein Aufruf zum Mord (traf Tell, der Wilhelm, doch nicht nur den Apfel, zielte er doch - rhythmischer als Hochhuts Verse - auf den Ausbeuter Geßler!). Interpretation des Autors: Die "Warnung" sei doch hier das Zentrale. Interpretation des Glossisten: Schlechte Verse schaffen noch lange keinen Straftatbestand. Im Stück wird auch oft "O-Ton" von "Wegrationalisierten" zitiert, Sätze von Entlassenen gegen die Exfirma: "Da gehört 'ne Bombe rin. Schiss müssten se haben!"

Das ist die Machtlosigkeit von Arbeitslosen: Schiss haben nur sie. Nicht Vorstände von Banken: Bei der Mannesmann-Übernahme war zum Beispiel die Prämie an eine Ehefrau nachträglich noch um 4,7 Millionen Mark erhöht worden: Dafür, dass man als Ehefrau eines Bankers ja auch irgendwie arbeitslos ist? Pervers sind in diesen Relationen nicht Hochhuts Verse. Auf ein besseres Stück zur "Diktatur der Weltwirtschaft" muss aber weiter gewartet werden. (Richard Reichensperger/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28. 1. 2004)

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