"Open Range": Die Zähmung der Freiheit

15. Juli 2004, 12:05
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Die Cowboys reiten wieder: Kevin Costners neue Regiearbeit "Open Range" als Wiederbelebung des Westerngenres

Wien - Über das Land peitscht der Regen, die Weide verwandelt sich zu Schlamm, unter einer Plane vertreiben sich Boss Spearman (Robert Duvall) und sein Kumpel Charley (Kevin Costner) die Zeit mit einem Pokerspiel. Es ist ein entbehrungsreiches Dasein, das die beiden Viehtreiber führen, ohne darüber viel Worte zu verlieren. Gleich zu Beginn sieht man, was es an Kraft erfordert, ein Rad aus dem Morast zu befreien; die weiten, unbesiedelten Landschaften, in denen wilde Pferde galoppieren, zeigen aber auch den Lohn dieser Männer an.

Die Cowboys reiten wieder. Open Range ist der erste Vorbote eines überraschenden Westernrevivals, das demnächst mit Ron Howards The Missing und Anthony Minghellas Cold Mountain fortgesetzt wird. Costners Film wahrt einen betont klassizistischen Zugang: Das Interesse für sperrige Details steht darin neben dem ausgeprägten Willen zu epischer Größe.

Es geht um die letzten Nomaden des Westens, für die das Land noch kein Besitztum war, sondern die Grundlage für ein Leben außerhalb zivilisatorischer Einschränkungen ist. Die Rahmenbedingungen dieser Existenzweise werden nicht ohne nostalgische Wehmut ausgebreitet: Costner lässt sich Zeit, schwelgt in Panoramen und versucht den Figuren ein klares Profil und Ethos zu verleihen, das eng mit ihrer Arbeit verbunden ist.

Land gleich Recht

Der Konflikt entsteht in Open Range erst durch die Infragestellung dieser Profession: Die Rancher eines nahen Ortes, vom tyrannischen irischen Emigranten Baxter (Michael Gambon) angeführt, beanspruchen das Land - und damit auch das Recht - für sich. In den Fremden sehen sie bloß Wilderer. Es kommt zu ersten Drohgebärden, und mit dem ersten Toten, einem Mann Spearmans, ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Situation eskaliert.

Obwohl Costner die Fronten klar umreißt, fehlt es dem Film nicht an Ambivalenz: Nicht zuletzt Charley selbst verbirgt hinter seiner stoischen Knochigkeit eine gewaltvolle Vergangenheit, die durch die neue Serie an Provokationen wieder hervorbricht. In Spearman hat er einen verlässlichen Partner gefunden, dem er vertraut: Er respektiert ihn, ohne viel von ihm zu wissen.

Zum Helden mit der rauen Schale und dem Herzen aus Gold wird Charley erst durch einen etwas zu forcierten Nebenplot, der von einem sanfteren Versuch der Domestizierung des freien Mannes erzählt: Annette Bening spielt die schon etwas reifere Schwester des Dorfarztes, die den beiden Cowboys Kaffee aus filigranen Porzellantassen kredenzt - und in dem Mann, der ihr den Dreck ins Haus trägt, ihre letzte Hoffnung auf eine Ehe erkennt.

Historisch genau

Costner widmet sich seiner Revision des Westerns mit großer Ernsthaftigkeit. Nicht nur durch die von Kameramann James Muro bei natürlichem Licht fotografierten Bilder wirkt Open Range nur wenig stilisiert in seiner Beschreibung dieser Ära. Auch in der Art, wie er sich das rohe Dorfgeschehen ausmalt, wie er die Spuren der irischen Sprache der eingeschüchterten Siedler nicht tilgt, ist der Film auf historische Genauigkeit aus. Umgekehrt wird ihm mitunter sein Hang zu altmodischen Gesten zur Beschwernis, wohl weil diese heute nicht mehr auf demselben kulturellen Verständnis fußen.

Doch im großartigen Shootout, der Anleihen bei Clint Eastwoods Unforgiven nimmt, setzt sich schließlich eine völlig unidealisierter Blick durch: Stur stehen sich die Kontrahenten auf den Straßen gegenüber und schießen so lange aufeinander ein, bis keiner mehr steht. Da gibt es keine List, keinen Heroismus mehr - übrig bleibt der Mob und eine Stadt, die nicht mehr dieselbe ist. (Dominik Kamalzadeh/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28. 1. 2004)

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    foto: der standard
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