Ein streitbares Duo gegen philosophische Mittagstische

27. Jänner 2004, 19:10
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Ein Abend mit Alain Badiou und Slavoj Zizek in Wien

Wien - Es schien ja eine rhetorische Frage zu sein, die Stadionanzeige beim Montagsmatch zwischen den Philo-Stars Alain Badiou und Slavoj Zizek im Französischen Kulturinstitut. Die Frage nämlich, ob der Philosoph berechtigt sei, am aktuellen Geschehen teilzunehmen, es zu kommentieren. Warum soll das eine Frage sein? Das tun sie doch ohnehin ununterbrochen, Sloterdijk tut es, Zizek tut es, alle tun es.

Bundeskanzler Schüssel hat ja sogar einen "philosophischen Mittagstisch" - und das ist kein Witz von Thomas Bernhard! - eingerichtet, mit den österreichischen Köpfen Liessmann und Pfabigan an der Suppenschüssel. - Wäre die bessere Frage nicht, wann sie jemals noch philosophieren? Aber der Abend im überfüllten Saal, moderiert von Claus Philipp (DER STANDARD), wurde spannend.

"Nicht gleich eingreifen"

Zunächst forderte Badiou, nicht bei jeder beliebigen Tagesfrage einzugreifen, sondern nur, wenn darin "Zeichen für ein neues Problem" liegen. Drei Fälle: Erstens, wenn gewählt werden muss zwischen einander Ausschließendem (wie in Platons Gorgias: Hat nur der Starke das Recht und das Glück auf seiner Seite, oder doch, so Sokrates, nur der Gerechte?) Zweitens, wenn das Individuum allein steht gegen die Macht, in der unüberbrückbaren Distanz zwischen Macht und Denken. Drittens in der Ausnahme, die etwa die Situation bedingungsloser Liebe gegenüber einer kompromisslerischen sozialen Umwelt einnimmt (eine Art von Romeo-und-Julia-Komplex wohl).

In diesen drei Unvereinbarkeiten könne der Philosoph durch Denken Relationen stiften. Nicht aber, zum Beispiel, in der Demokratie, wo ohnehin dauernd verhandelt und ausgeglichen wird.

"Kein Dialog"

Zizek ist da radikaler: Philosophie sei überhaupt kein Dialog, nie! Ja, schon richtig: Der Philosoph erkenne ein Problem, aber er müsse es dann ablehnen! Und wie? Einmal durch Umdrehung, ja Zertrümmerung der Begriffe: Warum reden wir alle von "virtual reality", wo doch die "reality of virtual" viel wichtiger sei? Und warum reden wir, wie etwa Judith Butler, so streng vom Hedonismus der Konsumgesellschaft, wo doch zu sehen ist, dass dieser erkauft ist mit Qual: Fitnessstudios "und all diesen New-Age-Monstrositäten"?

Und alles sei so brav: Habermas und Derrida, im Denken unvereinbar, in ihren Einlassungen in Aktualitäten aber doch beide "Staatsphilosophen"! - Im Dialog dann auch ein Vorschlag zu einer anderen Philosophie, die Zizek auf Richard Rorty stützt: Der Mensch sei das symbolfähige Tier, das die ihm zugefügten Verletzungen erzählen kann - und zwar unabhängig von Political Correctness: jeder seine/ihre Geschichte. (rire/DER STANDARD, Printausgabe, 28.1.2004)

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