"Nie war die Gefahr so groß"

28. Jänner 2004, 16:26
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Mohamed El-Baradei, Chef der Atomenergiebehörde, warnt vor der wachsenden Gefahr eines Atomkrieges und fordert neue Kontrollsysteme

Kritik an mangelnder Absicherung der Atomwaffenproduktion Davos - "Ein Atomkrieg rückt näher, wenn wir uns nicht auf ein neues internationales Kontrollsystem besinnen." Diese Warnung des Chef-Waffeninspektors Mohamed El-Baradei in seinem jüngsten Spiegel-Interview zu einer Titelstory des deutschen Politik-magazins ergänzte der ägyptische Diplomat auch in Davos beim Weltwirtschaftsgipfel: Er habe wirklich Angst, dass Atomwaffen gestohlen und irgendwo eingesetzt werden könnten.

In Davoser Diskussionen wurde klargestellt, dass die Herstellung von Atomwaffen größerer Labors und Fertigungsstätten bedarf. "Mit Bauplänen allein fängt auch die Al-Kaida nichts an." Aber die Leute um Osama Bin Laden, argumentierte beispielsweise Bruce Hoffmann von der Rand Corporation, sind nicht nur Abenteurer, sondern trainierte Leute auf den Gebieten Bautechnik, Administration und Ökonomie. Diebstähle funktionierten daher nach dem Muster des organisierten Verbrechens.

Experten schließen nicht aus, dass Nordkorea offiziell, Pakistan über Atomwissenschafter, aber auch Libyen und Iran Atomtechnologie verkauft haben.

El-Baradei dazu: "Da werden in dem einen Land Pläne gezeichnet, in einem anderen Zentrifugen produziert, die über einen dritten Staat verschifft werden. Über den Endabnehmer herrscht Unklarheit."

Der Hintergrund für diesen Befund: Der atomare Schwarzmarkt entzieht sich längst den Kontrollmöglichkeiten der Wiener Atomenergiebehörde mit ihren immerhin zweitausend Mitarbeitern.

Jonathan Zittrain, ein amerikanischer Professor am Berkman Center, sagte in Davos, dass 90 Prozent der heutigen Kriege nicht mehr nach alten Mustern abliefen. Heute könnte eine Hand voll Leute, mit hohem Know-how und beliefert von cleveren Waffenhändlern, einen Krieg beginnen. Oder zumindest provozieren. Außerdem müsse man bedenken, dass Terrorismus und Vermittlung von Söldnern Geschäftszweige geworden seien. Die Kontrolle sei entsprechend schwierig. (sp/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27.1.2004)

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