Flugexperten warnen vor Luftabwehrraketen

28. Jänner 2004, 11:18
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"Al-Kaida besitzt diese Waffen und setzt sie ein" - Zehntausende in Russland gestohlen

Wien - Flugsicherheitsexperten aus den USA und Großbritannien bezeichnen tragbare Raketensysteme als eine "wachsende Bedrohung" für den zivilen Flugverkehr. Schultergestützte Luftabwehrraketen hätten bereits Eingang in das Waffenarsenal von Terroristen gefunden, erklärten Experten am Rande eines Workshops der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit (OSZE) in Wien, ohne allerdings nähere Angaben zu bereits abgewehrten Anschlägen mit Manpads (Man Portable Air Defense Systems) machen zu wollen.

"Wir wissen, dass Al-Kaida diese Waffen besitzt", sagte der Leiter des Antiterrorbüros der OSZE, Brian Woo, ein früherer Direktor der Abteilung für Terrorismusbekämpfung im US-Außenministerium. "Wir wissen, dass sie diese Waffen eingesetzt hat und wieder benutzen wird."

Im Dezember 2002 feuerten mutmaßliche Al-Kaida-Terroristen in der kenianischen Hafenstadt Mombasa zwei Luft-abwehrraketen auf eine israelische Verkehrsmaschine und verfehlten ihr Ziel nur knapp. Auf dem internationalen Flughafen von Bagdad kamen in diesem Jahr eine Maschine des Expresszustellers DHL sowie ein US-Militärtransporter des Typs C-17 unter Manpads-Beschuss. Beide Maschinen wurden getroffen, konnten aber notlanden.

Flugsicherheitsexperten schätzen, dass derzeit mehrere Hunderttausend tragbare Raketen im Umlauf sind. Eine Viertelmillion soll dabei der älteste Typ ausmachen, die SA-7 aus sowjetischen Beständen. Sie wurde auch bei dem Anschlag in Mombasa eingesetzt. Mehrfach nachgebaut in anderen Ländern, hat die SA-7 eine Reichweite von 3,6 Kilometern, trifft Ziele bis zu einer Höhe von 1,5 Kilometer und fliegt mit eineinhalbfacher Schallgeschwindigkeit.

Russische Armeeexperten gaben im vergangenen Jahr an, dass "Zehntausende" ihrer schultergestützten Raketen während der 90er-Jahre aus den Waffendepots gestohlen worden seien. SA-7-Raketen sind nach Einschätzung von Experten heute auf dem Schwarzmarkt für einen Preis ab 500 Euro erhältlich - ebenso wie die weiter entwickelte SA-18 (sechs Kilometer Reichweite) oder die amerikanische "Stinger".

Das US-Homeland-Department lässt derzeit Abwehrtechnologien für Verkehrsmaschinen entwickeln und hat dafür insgesamt 60 Millionen Dollar bereitgestellt. Die Systeme müssten anfliegende Raketen rechtzeitig erkennen und durch Laser oder pyrotechnische Geräte ablenken. Die Verwendung von Militärgerät in dicht besiedelten Gebieten um Flughäfen halten Experten jedoch für undenkbar. Realistischer sei, Manpads systematisch einzusammeln und Anschläge möglichst im Vorfeld zu vereiteln. (Markus Bernath, Der Standard, Printausgabe 27. Jänner 2003)

  • Artikelbild
    foto: krt/bulls, modern land combat, the encyclopedia of world military weapons, modern air combat
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