Das Produkt als Individuum

25. Jänner 2004, 21:52
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Was Unternehmen freut, lässt Datenschützer aufstöhnen: Mit Radio Frequency Identification (RFID) lässt sich der Lebenszyklus eines Produktes, egal ob Pullover, Jogurt oder Rasierklingen, lückenlos nachzeichnen. Um die Privatsphäre zu schützen, arbeiten auch heimische Forscher an neuen Verschlüsselungsmethoden

Kommt nun die perfekte Versorgung durch den Supermarkt um die Ecke, der individuell zugeschnittene Angebote schickt und das lange Warten an der Kassa durch eine schnelle Abfrage des Wagerlinhalts ersetzt? Oder aber die perfekte Überwachung durch eindeutige Kennzeichnung jedes Produktes mittels Funkchips? So gegensätzlich diese Fragen auch wirken, beide Szenarien werden immer wieder diskutiert, wenn es um Radio Frequency Identification (RFID) geht.

Im Zentrum dieser Technologie steht der "Tag", eine Art Etikett, das nicht nur der Identifikation einer Produktart dient, sondern zusätzliche Informationen wie Größe, Farbe oder Lieferweg speichern und durch neue Codes wie den Electronic Product Code sogar jedem einzelnen Produkt eine eindeutige Kennung zuweisen kann (Wissen). Ihre Inhalte plaudern die meisten dieser Funkchips, die vereinfacht gesagt aus einem sandkorngroßen Chip und einer Miniantenne bestehen, nur auf Abfrage durch einen Empfänger aus, der ihnen die zur Informationsübermittlung notwendige Energie schickt. Nur teurere, aktive Tags können eigenständig senden. Bisher wurde der Einsatz von RFID großteils in Bereichen erprobt, die wenig mit den Endkonsumenten zu tun hatten: Logistikunternehmen können durch RFID Abholung, Transport und Zustellung großer Warenmengen besser kontrollieren.

Aufsehen erregt

Öffentliches Aufsehen erregt haben aber erst RFID-Versuche von Supermärkten. So mussten die US-amerikanische Supermarktkette Wal-Mart und das italienische Bekleidungsunternehmen Benetton nach massiven Protesten durch Konsumenten- und Datenschützer Versuche abblasen, Rasierklingen bzw. Pullover mit RFID auch zur Diebstahlsicherung auszustatten. Was den Konsumenten Vorteile bringen sollte, indem gekaufte Produkte automatisch nachbestellt oder Angebote auf persönliche Vorlieben zugeschnitten werden, lässt die Angst grassieren, dass das Einkaufsverhalten jedes Einzelnen noch genauer durchleuchtet werden könnte; ganz zu schweigen von der Furcht, dass der Weg eines Pullovers nicht nur bis zum Verkauf, sondern bis in das Haus jedes Einzelnen nachverfolgt werden könnte.

"Vernetzung ist das Gegenteil von Privatheit", meint Otto Petrovic, Leiter des Grazer E-Business-Kompetenzzentrums Evolaris. Die Erfahrungen der letzten Jahre hätten gezeigt, dass Konsumenten auf drei Kriterien Wert legen, wenn sie Teile ihrer Privatsphäre aufgeben sollen: Erstens möchten sie den Nutzen klar erkennen können, zweitens wünschen sie sich hinter den automatisierten Abläufen einen Menschen, den sie bei Problemen kontaktieren können, und drittens beachten sie den Ruf einer Marke. Vertrauen sie einem Label, sind sie eher gewillt, persönliche Informationen preiszugeben.

Neben unternehmensstrategischen Maßnahmen wird aber auch an technischen Lösungen gearbeitet, um Vertrauen für RFID zu wecken. Für Supermarktchips gibt es bereits Lösungen, mit denen die Etiketten an der Kassa automatisch außer Betrieb gesetzt werden können. Bei komplexeren Anwendungen konzentrieren sich Forscher des Grazer Instituts für Angewandte Informationsverarbeitung auf Möglichkeiten zur Verschlüsselung der vom Tag gesendeten Informationen. Wenn etwa ein Koffer beim Einchecken am Wiener Flughafen ein elektronisches Etikett erhalten würde mit der Information, dass das Gepäck vom Sicherheitsdienst gecheckt wurde, soll nur die Security am Ankunftsort diese Angaben empfangen und gegebenenfalls überschreiben können - und sonst niemand. Das Ziel der Grazer in Zusammenarbeit mit Unternehmen wie Siemens und Philipps ist es daher, ein Etikett zu entwickeln, das Informationen sicher verschlüsselt übermittelt, Herstellung und Verwendung der Tags aber nicht unwirtschaftlich werden lässt.

An der Bedeutung von RFID für die weitere Entwicklung der Informationsgesellschaft lässt Projektinitiator Manfred Aigner keinen Zweifel: "Wir sehen RFID-Etiketten als Bindeglied zwischen den isolierten Computergeräten der Vergangenheit und einer Welt von morgen, in der Informationstechnologien fast unsichtbar in den Alltag integriert werden." (Elke Ziegler/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26. 1. 2004)

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