Ablachen und gesund machen

25. Jänner 2004, 21:36
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Die Frage, ob Lachen wirklich so gesund ist, wie immer behauptet wird - die Antwort: "Das wird überschätzt"

"Lachen ist gesund!", das weiß jeder. Doch womöglich stimmt es gar nicht. Willibald Ruch ist skeptisch. "Die gesundheitliche Bedeutung des Lachens wird überschätzt", sagt der Psychologe: "Auf wissenschaftlicher Basis gibt es dafür erst wenige Belege."

Ruchs Domäne, die Lachforschung, ist ein junger Wissenschaftszweig, der bereits auf eine enorme Erfolgsgeschichte zurückblicken kann: Als der Stanford-Professor William Fry im Jahr 1964 das erste Institut für Humor- und Lachforschung gründete, machten sich die Kollegen über ihn lustig. Heute wird Fry hoch verehrt. Der Mediziner Madan Kataria aus Bombay behauptet inzwischen sogar, dass Lachen gegen Krebs helfe. "Sinn für Humor beugt Herzinfarkten vor!", war immer wieder in der Boulevardpresse zu lesen. Unbestritten ist tatsächlich, dass erhöhter Blutdruck als wichtiger Risikofaktor für Herzinfarkt gilt und Lachen den Blutdruck senkt. Eine Basis für die Therapie von Risikopatienten wäre lediglich, wenn die Blutdrucksenkung nach dem Lachen länger anhalten würde. Und darauf gibt es bis heute keine Hinweise. Ebenso wenig wie auf eine Wirkung gegen Krebs.

Auch weitere Heilsversprechen von Lachforschern halten einer Überprüfung nicht stand: "Lachen ist gesund, weil es den Körper entspannt", klingt überzeugend, ist aber falsch. Ruch hat das in einem Experiment bewiesen: Er spielte zahlreichen Versuchspersonen einen lustigen Film vor. Sie amüsierten sich, doch nirgendwo ließ sich ein Rückgang ihres Muskeltonus feststellen.

Selbst das Hauptargument für die gesundheitsfördernde Wirkung des Lachens - angebliche positive Effekte auf das Immunsystem - steht auf schwachen Füßen: Lee Berk von der Loma Linda University in Kalifornien hat beobachtet, dass die Aktivität der natürlichen Killerzellen sowie der Immunoglobuline - zwei wichtige Elemente des Immunsystems - im Blut seiner Probanden anstieg, während er ihnen einen lustigen Film zeigte. Berk arbeitete aber nur mit fünf Versuchspersonen.

Sind also alle erbaulichen Befunde aus der Humor- und Lachforschung lediglich Seifenblasen? Ruch wehrt ab: "Zahlreiche positive Auswirkungen auf das Wohlbefinden ließen sich sehr wohl empirisch beweisen." Unter anderem hilft Lachen, körperliche Schmerzen leichter zu ertragen: Ruch konnte nachweisen, dass Probanden weniger wehleidig sind, wenn man ihnen einen Mr.-Bean-Film zeigt. Die Versuchspersonen mussten ihre Arme in diesem Experiment möglichst lange in Eiswasser halten, und wenn sie zum Lachen gebracht wurden, ertrugen sie die Kälte besser.

Nur abgelenkt

Könnte es aber nicht sein, dass der lustige Film die Probanden lediglich abgelenkt hat und das Lachen selbst gar keine Rolle spielte? "Auch durch das Vorführen von humorfreien Dokumentarfilmen kann man eine erhöhte Schmerztoleranz erreichen", sagt Ruch. Doch das Verblüffende: "Bei einem lustigen Film hält sie dreißig Minuten danach noch an, während sie sich nach dem Dokumentarfilm sofort verflüchtigt."

Lachen bewirkt also offensichtlich mehr als bloße Ablenkung. Ruch vermutet, dass die Ausschüttung von Endorphinen (Glückshormonen) in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle spielen könnte. Viele Experten gehen davon aus, dass es der mechanische Vorgang des Lachens ist, der den Körper anregt und eine vermehrte Ausschüttung von Glückshormonen bewirkt. Es ist aber komplizierter: Ein Teil der Gruppe, die in Ruchs Experiment den Bean-Film gezeigt bekam, sollte das Lachen bewusst forcieren, ein anderer den Lachreflex unterdrücken. Fazit: Nur echte Erheiterung führt zu erhöhter Schmerztoleranz.

Ruch will auch entschlüsseln, was sich dabei im Gehirn abspielt. Gibt es womöglich ein klar lokalisierbares Humorzentrum im Hirn? In den neuronal aktivierten Bereichen des Gehirns steigt die Durchblutung an, was sich mithilfe eines Kernspintomografen messen lässt. Vorläufiger Befund: Beim Betrachten von Bilderwitzen werden die Neuronen im vorderen rechten Stirnlappen aktiv.

Die Berliner Sozialpsychologin Marion Bönsch-Kauke hat einen völlig anderen Zugang gewählt. Sie interessiert sich für die Bedeutung von Humor für das menschliche Zusammenleben. Sie hat untersucht, wie sich der Humor im Kindes- und Jugendalter entwickelt. Acht Jahre lang beobachtete die Wissenschafterin 102 Schüler im Alter von sieben bis zwölf Jahren. 350 Unterrichtsstunden und 135 Hofpausenstunden hat sie protokolliert und dabei 6109 so genannte Humorszenen festgestellt. Bönsch-Kauke konnte auf dieser Basis "vier Hauptfunktionen von kindlichem Humor" herausarbeiten: Aufmunterung und Erheiterung, Kontakt und Akzeptanz in der Gruppe, sozial akzeptiertes Ausleben von Wut und Macht, das Ausprobieren von Rollenmodellen.

Humorzensur

Das Ergebnis: Statt weiterhin das Betragen im Zeugnis zu benoten, plädierte die Sozialpsychologin daher für eine Humorzensur. Denn: "Im Gegensatz zur unter Erwachsenen verbreiteten Auffassung, dass Kinderspaß zur Unsitte ausartet, der Einhalt zu gebieten sei, handelt es sich dabei um ein sehr problemsensibles Interaktionsmuster für die sozial-kompetente Entwicklung der Kinder." Ob es aber Sinn machen würde, dieses Interaktionsmuster im Schulunterricht gezielt zu fördern, ist umstritten.

Viele gehen davon aus, dass der Sinn für Humor weit gehend vererbt wird. Glenn Wilson vom Institute of Psychiatry in London etwa hat in den späten 70er-Jahren zahlreiche Zwillingspaare untersucht, die von unterschiedlichen Familien adoptiert worden waren. Im Rahmen der Studie mussten sie sich Cartoons ansehen und anhand einer Punkteskala angeben, wie lustig sie die einzelnen Bildergeschichten fanden. Die Antworten der Zwillinge waren sehr unterschiedlich und wiesen auf keine genetische Komponente hin. Bei Cartoons mit schwarzem Humor ähnelten sich ihre Antworten jedoch sehr stark. Wilson vermutet daher, dass der Spaß an makabren Witzen angeboren ist.

Die Forschungsresultate der amerikanischen Psychologin Beth Manke gehen noch einen Schritt weiter. Sie hat den Humor von leiblichen mit demjenigen von Adoptivgeschwistern verglichen und stellte eindeutig stärkere Ähnlichkeiten zwischen den leiblichen Geschwistern fest. Ein genetischer Anteil scheint beim Humor daher inzwischen nahe liegend.

Doch wer von der Natur mit weniger Humorgenen beschenkt wurde, braucht nicht traurig sein: Für die Beliebtheit bei den Kollegen und das tapfere Ertragen von Schmerzen mag es ja förderlich sein, zu den Stimmungskanonen zu gehören. Gesund ist das Lachen noch lange nicht. Der kanadische Psychologe Rod Martin hat sogar nachgewiesen, dass die Liebesbeziehungen von humorvollen Menschen schneller in die Brüche gehen als die von Langweilern. Martin unterscheidet in seiner breit angelegten Studie zwischen sozialem Humor und erniedrigendem Humor. Dass letzterer ein Beziehungskiller ist, mag einleuchten. Verblüffenderweise halten aber die Partnerschaften von Personen mit sozialem Humor weniger lang als die von humorlosen Leuten. (Till Hein/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26. 1. 2004)

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