Arkadiens hohe Stimmen

28. Jänner 2004, 21:42
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Andreas Scholl und Marco Beasley bei den Resonanzen im Wiener Konzerthaus

Wien - Vor 350 Jahren lebte Christine von Schweden. Sie muss in den an sich schon ziemlich aufregenden und geistvollen Zeiten des 17. Jahrhunderts eine herausragend aufregende Frau gewesen sein. Mit sechs verlor sie ihren Papa, König Gustav II. Adolf, mit 18, anno 1644, wurde sie dann Königin von Schweden.

Christine lehnte es ab zu heiraten, auch das Regieren war das Ihre nicht; nach langem Hin und Her setzte sie durch, dass ihr Vetter Karl Gustav dem Skandinaviervolk vorstand, und düste ab, zuerst nach Frankreich, dann nach Italien. Dort, in Rom vor allem, genoss "la Regina" das Leben und die Kunst, organisierte Kulturelles, war mäzenatisch tätig und gründete den Kunstverein Accademia Reale, später: Accademia degli Arcadi.

Deren Repertoire - auch etwas für den Countertenor Andreas Scholl. Der Mann ist ein Szenestar, was zur Folge hat, dass der große Saal des Konzerthauses beim Auftritt des Countertenors rappelvoll ist. So hören fast 2000 Augenpaare, wie der Deutsche die Kantaten diverser komponierender Arkadier (Gasparini, Marcello, Vivaldi) dann behände, leicht, virtuos singt und - im Rahmen der einem Altus zur Verfügung stehenden Möglichkeiten - auch ausdrucksvoll.

Weitaus eindrucksvoller musizieren jedoch die Scholl in U-Form umstehenden Musiker der in Ravenna beheimateten Accademia Bizantina. Wie kleine Mini-Bumerangs schwirren und sirren Motive da etwa zwischen den ersten und zweiten Geigen hin und her: fein energetisch, fantasievoll, spielerisch und präzise dies alles.

Als der liebe Gott oder wer auch immer Charisma, Herzenswärme und Selbstgewissheit unter den Menschenkindern verteilt hat, hat er Sänger Marco Beasley gleich mehrere Lkw-Ladungen davon zukommen lassen. Der Neapolitaner bot am Samstag im intimen Mozart-Saal intime "Frottole", volkstümliche Liebeslieder aus der Zeit um 1500, dar, sanft umperlt von seinem Ensemble Accordone.

Beasleys Ausstrahlung und Ruhe sind einzigartig: Man hört und sieht ihn eine Minute singen und ist gebannt, entspannt und glücklich. Das Resonanzen-Publikum war wie immer zu Recht bei Beasley völlig aus dem Häuschen. (Stefan Ender/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26. 1. 2004)

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