Düstere Schotten und patscherte Sympathler

30. Jänner 2004, 12:43
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Mogwai verwies am neunten FM4-Geburtstagsfest alle anderen Bands auf die Plätze

Wien - Arschkalt, aber wie! Verzeihen Sie, geschätzte Leserinnen und Leser, dass hier gleich zu Beginn der Umgangssprache der Vortritt gelassen wird. Aber um die Rahmenbedingungen des FM4-Geburtstagsfests zu beschreiben, ist dieses in Narvik, Werchojansk oder Ojm'akon mit großer Gelassenheit Verwendung findende "A-Wort" nur angemessen. Es ist nämlich so: Blöderweise begeht der ORF-Jugendsender seinen Geburtstag im Winter. Und um mit möglichst vielen Freunden feiern zu können, tut er dies jedes Jahr in der Wiener Arena - mit einem Openair!

Doch auch die Ausschläge des Stimmungsbarometers nach oben hielten sich heuer angesichts der auftretenden Bands am Samstag in Grenzen. I-Wolf, das Soloprojekt des Sofa Surfers Wolfgang Schlögl, geriet zwar zu einem kleinen Höhepunkt des Nachmittags. Für das ganz junge Publikum erschienen die komplexen, eher die dunklen Seiten der Seele durchmessenden Grooves des Wieners doch etwas zu "schwierig".

Sie fanden sich eher in dem in Text und Aufführung etwas patschert daherkommenden Auftritt der bayrischen Sympathieträger Sportfreunde Stiller wieder. Oder bei den Linzer HipHoppern von Texta, die Ausschnitte aus ihrem demnächst erscheinenden neuen Album brachten. Oder bei dem den Konzertabend beschließenden Auftritt der nur noch für frisch aus der Isolationshaft entlassene Gäste als "Überraschungsband" geltenden deutschen FM4-Lieblinge Wir sind Helden.

Schulterpolster-Pop

Neben einer wenig leidenschaftlichen Österreichpremiere der britischen 80er-Jahre-Schulterpolster-Popper Zoot Woman war es der hierzulande ebenfalls erste Auftritt der Schotten von Mogwai, der zum Highlight des Festes wurde. Die fünfköpfige Band erinnert mit ihrem Instrumentalrock etwas an die frühen Werke des New Yorker Avantgardisten Glenn Branca, der seit den frühen 80er-Jahren Symphonien für Gitarren komponiert. Mogwai errichteten live ebenfalls von Gitarren dominierte, vielschichtige Walls of Sound.

Diesen erhabenen Klangarchitekturen verlieh man durch rhythmische Brüche und der aus dem US-Hardcore her bekannten Stop-and-Go-Gitarrenmotive eine erhebende Dramatik. Die große Kunst der Band, deren Stücke im Konzert nicht selten die Zehn-Minuten-Grenze erreichen, ist es, diese Spannung nicht nur aufrechtzuerhalten, sondern sie permanent neu zu stimulieren, zu verdichten und so in luftige Höhen zu führen.

Für stundenlanges sich den Allerwertesten Abfrieren war aber selbst dieser Auftritt eine bescheidene Trostwindel. Auch wenn man für das arktische Wetter und den die Möglichkeiten einschränkenden Umbau der Arena nichts kann, das Programm hätte allemal "feuriger" ausfallen können müssen. (Karl Fluch/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26. 1. 2004)

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