"Der Islam hat politisch defensiv reagiert"

27. Jänner 2004, 15:54
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Iraks Handelsminister und Investmentbanker Ali Allawi im STANDARD-Interview

STANDARD: Sie haben sich in einer abendlichen Runde als Kenner der jüngsten europäischen und US-Sozialgeschichte erwiesen. Wie wird so jemand Handelsminister?

Allawi: Weil ich von Beruf Investmentbanker bin. Weil ich immer in Opposition zum Regime war. Als Sozialwissenschafter bin ich Autodidakt.

STANDARD: In Davos wurde wieder einmal klar, was in den von der Aktualität dominierten Medien nicht so spürbar ist. Intellektuelle Kapazitäten stehen im Hintergrund, denn die islamische Präsentation ist eine dominant politische, religiöse.

Allawi: Auf seinen Machtverlust hat der Islam nicht intellektuell reagiert, sondern politisch defensiv. Er hat nicht mit einer Modernisierung des Denkens reagiert. Da er sich vielfach auf die Wiedererringung von Macht konzentrierte, sind im Islam Kunst und Literatur unterentwickelt.

STANDARD: Es ist verblüffend: Kopftuchtragende islamische Wissenschafterinnen entpuppen sich hier in Davos als enorm bewanderte und flexible Denkerinnen.

Allawi: Das ist nichts Ungewöhnliches. Wir waren lange nicht in der Lage, unsere Positionen wirklich zu artikulieren. Wir haben beispielsweise der Psychologie keine islamische Dimension gegeben. Dasselbe gilt für die Architektur. Im Unterschied zum Buddhismus hat zwischen dem Islam und dem Westen eine Entkoppelung stattgefunden.

STANDARD: Im Irak gibt es historisch nicht nur den Islam. Die Gegend gehört zu den Pionierregionen der Menschheit: Sumerer, Assyrer, Babylonier. Warum gibt es weder eine Auseinandersetzung damit noch eine fruchtbare Verbindung?

Allawi: Einige Wissenschafter und Literaten haben versucht, mit der präislamischen Tradition moderne Ideen zu verbinden. Sie waren nicht erfolgreich. Es gab keinerlei Aufmerksamkeit in der arabischen Welt.

STANDARD: Jetzt sind Sie Handelsminister. Was zieht Sie eigentlich an Ihrer Arbeit an?

Allawi: Wir haben ein Ministerium vorgefunden, wo der Aufwand der Rekonstruktion seiner Einrichtungen 500.000 Millionen Dollar verschlingen wird. Dieses Ministerium war mit 35.000 Beschäftigten der Generalunternehmer für öffentliche Bauten, der größte Autoimporteur und Autohändler, der Inhaber von Bau-und Lebensmittelwerken usw.

STANDARD: Das ist also Ihr Hauptjob?

Allawi: Nein. Hauptjob ist die Nahrungsmittelverteilung in einem Land mit 50 Prozent Arbeitslosigkeit. 35 Prozent unseres Budgets fließen dort hin.

STANDARD: Das "Oil for Food"-Programm geht also weiter?

Allawi: Ja, aber es muss reorganisiert werden. Unter dem Regime umfasste es ca. drei bis vier Milliarden Dollar für Nahrungsmittel und noch einmal so viel für anderes. Indem das Regime eine Steuer auf viele der Waren einhob, kassierte es etwa 1,5 Milliarden Dollar aus diesem Titel. Dazu kam noch der organisierte Schmuggel.

STANDARD: Apropos Korruption . . . wie sieht es damit im Irak aus?

Allawi: Es gibt sie. Das und den Diebstahl. Aber es wird immer weniger.

STANDARD: Zum Handel selbst. Wie stark ist er von den USA dominiert?

Allawi: Die USA dominieren die Sicherheitsstrukturen. Die Handelspolitik ist offen. Aber wir standen unter internationalen Sanktionen. Und der Irak muss wegen der riesigen Anzahl von Leuten, die für das Regime arbeiteten, erst umdenken.

STANDARD: Was ist mit dem Bankensystem los?

Allawi: Das ist kollabiert. Es hat zwei Staatsbanken und einige private gegeben. Wir werden demnächst an internationale Großbanken vier Lizenzen vergeben. Bis 2005 werden es zwei weitere sein. Wer investieren will, sollte im Irak ein Büro eröffnen.

STANDARD: Gibt es eine Rolle für Österreich?

Allawi: Ja, Österreich war immer stark im Irak. Ich denke an Baukonzerne, den Maschinensektor, das Transportwesen. Österreich ist dem arabischen Raum sehr nah.

STANDARD: Wie steht es um Ihre persönliche Sicherheit? Sie leben riskant.

Allawi: Ich bin natürlich ein Ziel. Daher habe ich zehn Leibwächter rund um die Uhr. Andere Minister haben noch mehr. Aber etwas anderes gilt ebenfalls: Wer nach Davos reist und keine prominente Figur ist wie die hier in Davos, der sollte mit normalen Vorkehrungen auskommen. (DER STANDARD, Printausgabe, 26.1.2004)

Der irakische Handelsminister Ali Allawi dirigiert ein Ministerium, das unter Saddam 35.000 Beschäftigte hatte und heute hauptsächlich Nahrungsmittel verteilt. Gerfried Sperl sprach mit Allawi in Davos.

Zur Person
Ali Allawi hat am MIT in Boston und an der London School of Economics studiert. Harvard hat er mit einem MBA abgeschlossen. In den 70ern arbeite er in der Weltbank, in den 80ern für eine arabische Bank in London. In den 90ern war er dort Chef einer Investmentfirma. 2003 wurde er irakischer Handelsminister.
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