Türkei für "neutralen" Vermittler im Zypern-Konflikt

26. Jänner 2004, 15:42
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Colin Powell als Wunschkandidat - Nikosia wirft Ankara "bloße Taktiererei" und "reine Kosmetik" vor

Davos/Ankara/Athen/Nikosia - Die Türkei hat zur Lösung des Zypern-Konflikts noch vor dem EU-Beitritt der Mittelmeerinsel am 1. Mai die Einschaltung eines "neutralen" Vermittlers vorgeschlagen. "Wir müssen eine Lösung finden, und wir möchten die Verhandlungen wieder aufnehmen", sagte Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan am Samstag nach einer Unterredung mit UN-Generalsekretär Kofi Annan am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos.

Wunschkandidat Colin Powell

Wunschkandidat Ankaras sei US-Außenminister Colin Powell, schrieben türkische Zeitungen am Sonntag. Genannt wurde auch der frühere NATO-Generalsekretär George Robertson. Eine Entscheidung darüber könne beim Treffen Erdogans mit US-Präsident George W. Bush am Mittwoch in Washington fallen.

Verhandlungen für EU-Beitritt

Das Interesse der Türkei an einer zügigen Lösung liegt vor allem darin begründet, dass Ankara die EU bewegen möchte, Ende dieses Jahres der Aufnahme von Verhandlungen für den eigenen angestrebten EU-Beitritt zuzustimmen.

Annan solle Mission des guten Willens beenden

Ankara geht es den Berichten zufolge um eine Ablösung des bisherigen UN-Zypern-Beauftragten Alvaro de Soto. "Die Mission des guten Willens, die Annan begonnen hat, sollte auch von ihm selbst beendet werden", sagte Erdogan in Davos. Allerdings könne der UN-Generalsekretär die Verhandlungen nicht die ganze Zeit selbst führen, begründete der türkische Regierungschef den Wunsch nach einem Vermittler von "politischem Gewicht". Annan habe zugesagt, die türkischen Vorstellungen zu prüfen.

Rückendeckung des Militärs

Erdogan hatte am Freitag die Rückendeckung der türkischen Militärführung für eine Wiederaufnahme der Zypern-Verhandlungen erhalten. Der Nationale Sicherheitsrat in Ankara stimmte Verhandlungen auf der Grundlage des UN-Planes zu.

Kritik Griechenlands

Griechenland kritisierte, dass der türkische Nationale Sicherheitsrat nicht nur den UN-Zypernplan als Verhandlungsgrundlage genannt, sondern auch verlangt hatte, die "Realitäten" auf der Insel zu berücksichtigen. Athen sieht in dieser Formulierung die türkische Darstellung bestätigt, nach der es auf der Insel zwei Staaten gebe, von denen allerdings nur der griechischsprachige international anerkannt wird. An diesem Standpunkt Ankaras sei aber bisher eine Lösung der Zypern-Frage gescheitert, hieß es im Athener Außenministerium.

Entscheidung liege bei Annan

Nach dem Treffen mit Erdogan sei es nun an Annan zu entscheiden, ob er zu neuen Verhandlungen rufe, sagte der zypriotische Außenminister Giorgos Iakovou am Sonntag der griechisch-zypriotischen Zeitung "Phileleftheros" (Onlineausgabe). Am Tag zuvor hatte er kritisiert, Erdogans Erklärungen beim Weltwirtschaftsforum in Davos seien "bloße Taktiererei" und "reine Kosmetik", mit dem sich Ankara ein Alibi verschaffen wolle, um nicht allein für das derzeitige Patt verantwortlich zu sein.

Der türkisch-zypriotische Verhandlungsführer Rauf Denktas, der sich bisher erfolgreich dem Annan-Plan widersetzt hatte, hielt sich am Sonntag zur Abstimmung mit der türkischen Führung in Ankara auf. Mit Erdogan stand ein Gespräch vor dessen Abreise in die USA auf dem Programm. (APA)

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