Ein ewiges Hin und Her

25. Jänner 2004, 11:00
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Studie macht Schluss mit Stereotypen von Aus- und Einwanderung

Der persönliche Zugang zum Thema und der Fragestellung sei ein politischer. "Im gesamten 20. Jahrhundert ist das Thema Migration, auch in Österreich, enorm politisch aufgeladen. Historische Forschung ist nun eine Möglichkeit, sich sachlich dem Thema zu nähern, es zu entmystifizieren, es als weniger bedrohlich zu empfinden." Wie möchten nun Josef Ehmer und seine Mitarbeiter Annemarie Steidl und Hermann Zeitlhofer die Angst des Herrn und der Frau Österreicher vor zu viel fremder Kultur, fremder Sprache und Anderssein nehmen? Indem die drei Historiker der Uni Salzburg aufzeigen, dass Migration seit der Neuzeit ein ewig präsentes Phänomen ist, "das immer Normalfall war und nie etwas Außergewöhnliches", erklärt Ehmer. "Dass Migration zudem nicht zu ändern ist oder sich gar beenden lässt." Jedes Land sei zudem nicht nur Immigrationsland, sondern auch Emigrationsland. "Einbahnstraßen gibt es in der Migration nicht."

Ehmer belegt dies mit aktuellen Zahlen aus Deutschland: So stehen jährlich 800.000 Einwanderer 700.000 Auswanderern gegenüber, "wobei Letztere aber nicht Teil der politischen Diskussion sind". Ein beträchtlicher Teil der Auswanderer kehre zudem wieder zurück. So auch in der Habsburg-Monarchie, in der 40 Prozent derer, die eine bessere Zukunft vor allem in den USA suchten, nicht in Übersee blieben. "Es war eher ein Hin und Her, eine Art Gastarbeitertum, in dem das Zurückkehren fix eingeplant war, um beispielsweise zu Hause ein Stück Land zu kaufen", sagt Annemarie Steidl.

Das Hin und Her der Habsburg-Monarchie der Jahre 1850 bis 1914 steht auch im Mittelpunkt eines vom Wissenschaftsfonds geförderten Projektes. Ehmer, Steidl und Zeitlhofer ermitteln darin das soziale Profil der Migranten. Wer ging wann wohin, ließ Verwandte und Bekannte nachkommen, stammte aus welchem Teil der Monarchie? Vor allem die Passagierlisten der Schifffahrtslinien in die USA geben Auskunft über Geschlecht, Beruf, Herkunft, Alter und Ziel der Reise in Übersee. 20.000 Personen wurden so bereits erfasst; auf erstaunliche Ergebnisse stieß man dabei, die Schluss machen mit stereotypen Vorstellungen von Auswanderung.

Erstens, dass vor allem Elend und Armut in die Migration zwinge: "Das ist empirisch nicht belegt", konstatiert Projektleiter Ehmer, der als Beispiel Böhmen nennt, das zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts industriell die höchst entwickelte Region der Monarchie war, gleichzeitig den größten Auswandereranteil aufwies.

Zweitens, dass die Initiative zur Migration allein von Männern ergriffen wurde: Die Hälfte der Migranten - vor allem in Böhmen - waren Frauen, die sich alleine auf die Reise über den großen Teich begaben, um vor Ort "Strukturen zu schaffen und später Ehemänner und Kinder nachkommen zu lassen", erklärt Steidl.

Schluss macht das Projekt auch mit der isolierten Betrachtung der Überseemigration, die ohne Einbettung in die Binnenmigration keinen Sinn mache. "Viele Migranten und Migrantinnen bewegten sich innerhalb benachbarter Gemeinden, etwas weniger überschritten die Grenzen eines Kreises, deutlich weniger die Grenzen eines Regierungsbezirkes oder einer Provinz. Zahlenmäßig überwogen also nicht die großen spektakulären Wanderungen, sondern die vielen kleinen, in den Alltag eingebundenen Schritte", analysiert Ehmer.

Die ersten zaghaften Migrationsversuche aus der österreichischen Monarchie in die USA setzen im 18. Jahrhundert ein. Vorarlberger und Böhmen sind jene, die der frühen Mobilität nicht abgeneigt sind, wahrscheinlich bedingt durch eine relativ frühe Industrialisierung. 1876 sind es bereits rund 7500 Menschen, die es von der Monarchie in die USA zieht; nach 1900 steigt die Zahl sprunghaft auf 62.605, das macht rund 20 Prozent der gesamteuropäischen Auswanderung aus. Die große Auswanderungswelle reißt abrupt mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges ab. Mittlerweile hatte sich besonders an der Ostküste der USA ein Immigrationszentrum herausgebildet, in dessen Kohle- und Stahl- sowie Bergbauindustrie attraktivere Löhne winkten als in der Heimat. (Erika Müller/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24./25. 1. 2004)

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