Keine kleinen Brötchen backen

24. Jänner 2004, 10:00
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Er hat den Gründergedanken im Blut: Nikolaus Franke, Professor für Entrepreneurship an der WU

Nikolaus Franke könnte man einen "Natural Born Start-Up" nennen: Er hat den Gründergedanken im Blut. Schon "mit fünf oder sechs Jahren" kaufte er sich vom eigenen Taschengeld sein erstes Buch: ein Band über Captain James Cook, den britischen Forschungsreisenden der Aufklärung, der in wissenschaftlicher Mission nach Tahiti und Australien segelte und im Zuge dessen Neuseeland entdeckte.

Das Entstehen, die frühen Phasen des Neuen, das Ungewisse hatte für den in Hamburg geborenen Sohn einer Unternehmerfamilie schon immer einen riesigen Reiz. Nach dem Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Uni München und der Habilitation in Innovationsforschung arbeitete er ein Jahr lang mit Professor Eric von Hippel im Innovationsmanagement am Massachusetts Institute of Technology (MIT). "Ich sah mir die Spitze an, und es war ungemein lehrreich", meint der heute 37-Jährige: "Wenn man etwa die Erfolgsrate der 4000 aus dem MIT gegründeten Unternehmen analysiert, wäre die Wirtschaftskraft der "MIT-Nation" weltweit an 24. Stelle." Am meisten faszinierte ihn die Anwendbarkeit von Ideen - wie Klebstoff, der auf einer Seite klebt und auf der anderen ablösbar ist und zu Post-Its wurde.

Dringender als "der zwölfte Entrepreneurship-Mensch" am MIT zu sein wollte Franke etwas Neues aufbauen. 2001 bewarb er sich daher für die Gründung eines Lehrstuhls für Entrepreneurship und Innovation an der Wirtschaftsuni (WU) Wien. An seinem ersten Arbeitstag hatte er zwei unrenovierte Räume, kein Telefon, keinen PC, keine Mitarbeiter, keinen Lehrplan und keinen Webauftritt: "Es gab überhaupt gar nichts", erzählt er, "nur die Möglichkeit, etwas zu tun, und das ist doch eine tolle Situation - die ganz normale Start-up-Situation." Und die illustriert Frankes Vorstellung von Unternehmertum.

Der verheiratete Familienvater zieht eine Parallele zu seinen Töchtern, um seine Vorstellung zu erklären: "Kinder verkörpern Kreativität und den Spaß am Neuen. Zum ersten Mal in die Schule zu gehen zum Beispiel, bedeutet eine riesige Veränderung. Bei Innovation sind nicht nur die Variablen unbekannt, sondern auch die Frage, welche Variablen überhaupt im Spiel sind." Risiko lässt sich kalkulieren und optimieren, aber "wenn ich der Erste bin, fehlt mir dieses Wissen", meint Franke, "und diese Unklarheit ist Innovation."

Der Mittdreißiger, der seine Worte gut wählt, ist jedoch kein Hasardeur. Wie James Cook, der Neuseeland per Zufall entdeckte, ohne dass sein Schiff in der Brandung zerschellte, geht es Franke darum, Entdeckungsprozesse zu kontrollieren und Gründungsprozesse zu prägen. Ein guter Steuermann ist er auf jeden Fall. Als er den Lehrstuhl übernahm, wurde ihm wenig Zulauf prophezeit, "weil die WU-Studenten Beamte werden wollen". Vergangenes Semester gab es über 200 Bewerbungen, Platz war für 55. "MIT-Höhen werden wir nicht erreichen", meint er, "aber wir können beginnen, uns mit den Besten zu messen." (east/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24./25. 1. 2004)

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    illustration: der standard
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