Geld und Leben

23. Jänner 2004, 21:02
5 Postings

Als polnische Putzfrau gehört Anna zu den klassischen SchwarzarbeiterInnen - eine Reportage von Mia Eidlhuber

Anna sieht nicht aus wie eine Putzfrau. Aber wie sehen Putzfrauen aus? Anna ist mittelgroß und zierlich, trägt ihre blonden Haare halblang. Mit ihrem hübschen Gesicht und der Jeansjacke unter dem taillierten, schwarzen Steppmantel fügt sie sich so nahtlos in die Masse morgendlicher U-Bahn-FahrerInnen, dass ihr Arbeitsweg sie überallhin führen könnte. Und das tut er auch: Annas Leben spielt sich untertags zwischen verschiedenen Wohnungen in verschiedenen Bezirken ab. Auf ihrer Fahrt in der Wiener U6 klimpern die Schlüssel ihrer Arbeitgeber in der Tasche. Aber das ist das einzige Indiz für Annas Tätigkeit. Wenn sie dann eine der Wohnungen aufsperrt, sind die BewohnerInnen meist schon außer Haus - der Geschirrspüler nicht eingeräumt, das Bett ungemacht und der Boden noch staubig. Auf dem Esstisch liegen vier mal neun Euro in bar. Wenn Anna vier Stunden später die Wohnungstüre wieder hinter sich zuzieht, sieht diese Welt wieder in Ordnung aus: die Betten gemacht, die Böden gewischt, die Hemden gebügelt.

7814 Schwarzarbeiterkontrollen gab es in Österreich im zweiten Halbjahr 2002. 2151 sind bei illegaler Tätigkeit ertappt worden. Österreich hat mit rund 1300 Kilometern die längste EU-Grenze zu den ost- und mitteleuropäischen Staaten. In diesen Regionen ist die Arbeitslosigkeit hoch, die wenigen Jobs, die es dort gibt, sind meist schlecht bezahlt. Seit 1989 ist der Wohlstand des Westens nur noch ein paar Autostunden entfernt. Mit 20 stieg auch Anna in einen Bus. Die Fahrt vom kleinen polnischen Dorf an der slowakischen Grenze nach Wien dauerte fünf Stunden und zwei Grenzabfertigungen. 1995 war diese Fahrt in den goldenen Westen schon nichts Besonderes mehr. Viele Leute aus ihrem Heimatdorf waren bereits in Wien - und Anna arbeitete und wohnte zunächst bei ihrem polnischen Onkel, der schon länger in Wien lebte - legal.

Gute Monate

Heute ist Anna ausgebucht, hat 14 StammkundInnen, für die verlässt sie Montag bis Freitag um acht Uhr morgens ihre 50 Quadratmeter kleine und 220 Euro billige Wohnung in einer der grauen Gassen hinter dem Westbahnhof. Nach zwei Schichten zu je vier Stunden kommt sie nach 18 Uhr wieder nach Hause. Anna bekommt neun Euro in der Stunde - schwarz. In guten Monaten kommt sie auf 1200 Euro. Dort, wo sie herkommt, verdienen die Leute durchschnittlich 200 Euro im Monat, aber vieles kostet in Polen mittlerweile gleich viel, manchmal mehr als hier.

Die Menschen in Wien haben sich mittlerweile an eine wie Anna gewöhnt, sie bringt Ordnung in den Alltag von ArchitektInnen, JournalistInnen, ÄrztInnen oder LehrerInnn. Wie viele Annas es gibt, die unangemeldet hier ihr Geld verdienen, darüber traut sich niemand eine seriöse Schätzung abgeben: Es sind viele. Aber die Mittelstandsmenschen, für die Anna putzt, denken lieber an ausgebeutete Bauarbeiterkolonnen am Arbeiterstrich, wenn von illegaler Schwarzarbeit die Rede ist. Anna fühlt sich nicht ausgebeutet, sie ist gerne hier, hat sich an Wien und ans Putzen gewöhnt. In ihrer alten Heimat Polen, sagt Anna, würde sie niemals putzen gehen, in Österreich macht sie das schon seit neun Jahren. Als polnische Putzfrau ist sie in Österreich schon jahrelang ein Klassiker, ihr Leben ist es nicht.

Anna hat in Polen die Hotelfachschule mit Matura abgeschlossen. Nachher hat sie in Polen Italienisch studiert, finanziert hat sie sich das Studium schon durch das Pendeln nach Österreich: Dreimal hat sie ihren voll gestempelten Pass "verloren", gröbere Kontrollen hatte sie selten, ein Einreiseverbot bekam sie nie. Offiziell darf sie sich zweimal drei Monate in Österreich aufhalten - nicht arbeiten. Ihr Italienisch vergisst sie langsam wieder, sagt sie, wenn sie sich Gedanken über die Zukunft macht. Anna ist heute 29, hadert nicht und sagt: "Ich muss nicht putzen." Annas Deutsch ist gut, sie verkörpert vielleicht einen neuen Typus illegaler Schwarzarbeiter, denn sie hat sich entschieden, sie will in Wien bleiben. Das ist wenig klassisch: Bisher haben die meisten polnischen Putzfrauen hier ihr Schwarzgeld verdient, um sich und ihren Familien in Polen ein besseres Leben zu finanzieren: Kleidung kaufen, Häuser bauen, Studien zahlen.

Der Vater von Annas vierjähriger Tochter verstarb plötzlich, kurz nach deren Geburt an einem Herzinfarkt, zu Weihnachten in Polen. Vom Vater ihrer zweiten Tochter lebt sie seit einem halben Jahr getrennt - allein, mit zwei kleinen Kindern in Wien. Während sie das Geld verdient, passt eine junge polnische Frau auf ihre Kinder auf. Seit sie Kinder hat, ist Anna auch in Österreich versichert: "Die Leute sagen mir, das ist illegal", egal, es funktioniert. Auch die Arbeiterkammer betont, dass solche Organisationen nicht einwandfrei sind. Annas zweite Tochter kam trotzdem im AKH zur Welt - für 200 Euro Krankenversicherung für zweieinhalb Jahre Versicherungsschutz. Was aber wird, wenn die Kinder zur Schule müssen? "Ohne Papiere wird das schwierig!", sagt Anna. Ihre Mutter macht sich ständig Sorgen, die will ohnehin, dass sie mit den Kindern nach Polen zurückkommt.

Hoffnung auf EU-Erweiterung?

Was aber passiert, wenn Polen im Mai der EU beitritt? Anna lächelt hoffnungsfroh und sagt: "Ich weiß nicht." Sie redet viel mit polnischen FreundInnen darüber, österreichische hat sie nicht. Aber die nahende EU-Osterweiterung schafft eine Art Informationsvakuum genau dort, wo Informationen notwendig wären. Wilde Spekulationen sind die Folge: Geschichten über Polizisten und Kontrolleure, die ab Frühjahr auf den Straßen verstärkt nach "Illegalen" fahnden. Anna glaubt nicht, dass es nach einem EU-Beitritt Polens schlechter werden kann als vorher. Prinzipiell hat sie Recht, aber die Schauermärchen sind nicht unbegründet: Deutschland hat einen Gesetzesentwurf verabschiedet, der Schwarzarbeit den Kampf ansagt - nicht nur auf Baustellen: 5000 KontrolleurInnen werden losgeschickt. Österreich liegt mit dem Anteil an reiner Schwarzarbeit von 3,7 Prozent nur etwas über dem EU-Durchschnitt von 3,3 Prozent - und wartet ab. Anna auch, sie ahnt, dass sich in den nächsten Jahren nicht allzu viel ändern wird - noch nicht. Wenn erst der Zugang zum Arbeitsmarkt frei ist, wer weiß: "Vielleicht gründe ich eine Reinigungsfirma - ganz legal", sagt Anna. KontrolleurInnen hätten es mit Anna schwer: Sie sieht nicht aus wie eine Putzfrau. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 24./25.1.2004)

  • Artikelbild
    foto: standard/cremer
Share if you care.