Wer kittet unsere Welt?

30. September 2004, 15:15
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Globalisierungskritiker und Wirtschafts­professoren wissen um die besondere Rolle der Wirtschaft - Kolumne von Antonella Mei-Pochtler

Die Unterschiede sind groß: Im kalten Davos diskutieren Wirtschaft und Politik beim Weltwirtschaftsforum, in der heißen Millionenmetropole Bombay die Globalisierungskritiker beim Weltsozialforum. Themen und Sorgen aber gleichen sich: Wohlstand versus Armut, Sicherheit und Frieden. Terrorgefahr und Wohlstandsängste dominieren. Und besonders eine Einsicht: dass es vor allem auf die Wirtschaft ankommt - im Positiven wie im Negativen.

Kaum einer glaubt, dass mit der heutigen US-Politik, der tatenlosen EU, der schwächelnden WTO und der gebeutelten UNO die Welt gerettet werden kann. Den schwarzen Peter haben wieder einmal die Unternehmen - vor allem die global tätigen. Diese wachsen und konsolidieren sich weiter über alle Branchen hinweg.

Aus einer aktuellen BCG-Studie zur Konsolidierung in zehn wichtigen Branchen geht hervor, dass die Konzentration in den letzten zehn Jahren deutlich zugenommen hat: Die 30 größten Unternehmen der Pharmaindustrie - beispielsweise - haben einen Weltmarktanteil von 71 Prozent - 29 Prozent mehr als vor zehn Jahren.

Regionale Schwerpunkte werden dabei immer stärker: Im Pharmabereich dominieren US-Unternehmen, im Automobilbau Europäer, im Stahl inzwischen die Asiaten. Die Rahmenbedingungen - angefangen von massiver staatlicher Förderung bis zu Bildung und Gesetzgebung - haben dabei sichtbaren Einfluss darauf, wo die großen Konsolidierer gewinnen.

Wenn wir Europäer nicht eine Neben-, sondern eine selbstbewusste globale Gestaltungsrolle spielen wollen, so müssen:

  • 1. Europäische Unternehmen die aktive Konsolidierung vorantreiben. Gerade im wichtigen Finanzdienstleistungssektor gibt es erheblichen Nachholbedarf - bereits auf nationaler, erst recht auf europäischer Ebene. Die jüngsten US-Fusionen der Bank of America und die - angekündigte - von Bank One und J. P. Morgan Chase haben den Handlungsdruck für die europäischen Institute deutlich verstärkt.
  • 2. Starke europäische Marken entwickeln und konsequent in ihren Innovationsgehalt investieren. Unternehmen wie Porsche oder Nestlé machen es uns vor.

    Kurioserweise haben Marken und Unternehmen wie Coca-Cola, Nike oder McDonald's eine größere "Kittfunktion" als die Politik ihrer Länder: Eine Harvard-Befragung von 1800 Konsumenten in zwölf Ländern zeigte, dass trotz der Amerika-Abneigung gerade in Entwicklungsländern die großen US-Marken als "Standardsetzer" mit Qualitätsgarantie zunehmend beliebt sind und dass ihr Konsum das Gefühl der Zugehörigkeit zur Weltgemeinschaft stärkt.

    Multinationalen Firmen wie VW oder Unilever, die mit lokalen Partnern arbeiten, hält man zugute, dass sie außerdem höhere Arbeits- und Qualitätsstandards einführen.

  • 3. Wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen in der erweiterten Region schaffen - die Gesetzgebung im Biotech-Bereich gilt hier als Negativbeispiel. Traurig ist, dass trotz des Lissabon-Prozesses das europäische Produktivitätswachstum seit Mitte der 90er-Jahre gesunken ist und nun zwischen 0,5 und einem Prozent pendelt - gegenüber zwei Prozent in den USA.

    Die Debatten in Davos und Bombay zeigen: Nicht Größe, nicht Globalisierung an sich sind die Problemquellen, sondern Fairness - im Wettbewerb und im Umgang mit den Stärken- und Schwächenprofilen der Regionen. Für den "Kitt" zwischen dem kalten Davos und dem heißen Bombay könnte das gemäßigte Klima Europas sorgen. (DER STANDARD Printausgabe, 24.01.2004)

Dr. Antonella Mei-Pochtler ist Senior Partnerin von The Boston Consulting Group BCG) und Leiterin des Wiener Büros. kolumne.at@bcg.com
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