Liebe und Melancholie

28. Jänner 2004, 20:48
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Günter Ohnemus' Reise in die Angst

Ein 52-jähriger Münchner Taxifahrer nimmt eine junge Russin mit, die sehr nervös ist. Offenbar wird sie von der Mafia gejagt. Er hilft ihr bei der Flucht, die beiden fahren bis Luxemburg und geraten dort in den Besitz von 4 Millionen Dollar. Auch die Russenmafia ist hinter diesem Geld her. Der Taxifahrer begeht in einer Art Notwehr (gegenüber schusswilligen Mafialeuten ist jeder Gegenschuss Notwehr) drei Morde; gejagt von allen, beginnt nun Die Reise in die Angst, Titel des neuen Romans von Günter Ohnemus, dessen Plot, trocken niedergeschrieben, nicht gerade Lust macht, das Buch zu lesen.

Doch nach wenigen Seiten sind alle Vorurteile widerlegt. Was gleich fasziniert, ist die beinahe depressive sexuelle Zurückhaltung des Taxifahrers gegenüber seiner Fahrgästin. Je weiter das Abenteuer geht, je tiefer die beiden in die Angst eintauchen, je enger sie aneinander gebunden werden, desto deutlicher geht er auf Distanz zur billigen Liebesgeschichte - dahinter verbirgt sich das Geheimnis seiner Vergangenheit, die gerade durch das Unaussprechliche und Unspektakuläre so bedrohlich wird. Was düster ist, wird hier klar, was zuerst noch wundert, wird wunderbar, und zwar durch den außergewöhnlichen Blick und die melodisch-traurige Weltsicht des Taxifahrers.

Günter Ohnemus erzählt von Menschen, die vor Liebe und Melancholie brennen, und er macht das wie kein anderer im deutschen Sprachraum. Das hat er nach Zähneputzen in Helsinki (erstmals 1982) in mehreren Kurzprosabänden bewiesen. Mit dem Teenie-Liebesroman Der Tiger auf deiner Schulter (1998) hat er sein Repertoire ausgeweitet. Das neue Buch wagt sich tief in die Gründe des Thrillers und hält sich dort unter schwierigsten Bedingungen. Sparsam setzt Ohnemus seine Metaphern ein, und sie treffen: "Und diesen blauen Peugeot kann ich auch verschwinden lassen. Sie machen ihn so platt, dass er in einen Briefkastenschlitz passt. Er wird aussehen wie eine Beileidskarte für einen Peugeot."

Günter Ohnemus schreibt lesbare Bücher. Es gibt nur wenige, die das tun. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 24./25.1.2004)

Von Martin Amanshauser
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    Günter Ohnemus:
    Reise in die Angst, € 19,50/ 304 Seiten. Droemer, München 2003

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