Quadratur des Daseins

29. Jänner 2004, 20:39
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Begegnungen mit Klaus Merz, dessen Werk von Knappheit, Ruhe und Lakonie charakterisiert ist

Man kennt nur, was man liebt, sagen die einen. Man kennt nur, woran man leidet, behaupten andere. Wenn es nur so einfach wäre. Vielleicht wird man nicht zuletzt deshalb zum Leser, zum Schriftsteller wahrscheinlich erst recht, weil man hofft, dass es im Leben eben gerade nicht um ein "Entweder-oder", sondern um das Nichteindeutige, Veränderbare und deshalb immer auch um die Perspektive, eine bestimmten Einstellung der Welt gegenüber geht. "Wer auf dem Kopf geht, hat den Himmel als Abgrund unter sich", sagte Paul Celan in seiner Büchnerpreisrede. Der Schriftsteller Klaus Merz (Jahrgang 1945) zitiert diesen Satz in dem schönen Bändchen Das Turnier der Bleistiftritter, das 18 verstreut erschienene Porträts, Reportagen und Essays, die Merz für Zeitschriften wie Du und für Zeitungen wie die NZZ schrieb, zugänglich macht. Endlich, ist man man fast versucht zu sagen. Denn seit mehr als drei Jahrzehnten schreibt Merz Erzählungen, längere Prosastücke und immer wieder Lyrik und obwohl er mittlerweile zu den renommiertesten Schweizer Autoren gehört, wird er durch seinen Hang zum (scheinbar) Unspektakulären und Stillen immer noch unterschätzt.

Knappheit, Ruhe und Lakonie, die Merz' Werk prägen, machen auch den Reiz seiner journalistischen Arbeiten, die viel mehr Prosaminiaturen als Gelegenheitstexte sind, aus. Ob er, der Binnenländer, uns auf eine Fahrt mit der Queen Elisabeth (der alten noch) aufs Meer entführt, oder mit Büchner, Celan und Hermann Burger durch's Gebirge und die Tiefe der Seele streift, stets sind es Geschichten vom Fremd- und Unterwegssein, die er erzählt. Ob er den Maler Martin Ziegelmüller, der ein "Feuerwerker" bleibt, auch wenn er Wasser malt, porträtiert, oder über den bildenden Künstler Lawrence Lee, den es unter abenteuerlichen Umständen von Borneo in die Schweiz verschlug, berichtet, immer arbeitet er ein Sich-nicht-sicher-Sein und dennoch Unbeirrt-Bleiben heraus. Es sind daher nicht nur Begegnungen mit Künstlern, Dichtern, Hutmachern, Geigenbauern und Bleistiftfabrikgründern (deshalb der Titel), die man in diesem Buch macht, sondern auch mit einem Schriftsteller, den es im Auge zu behalten gilt - und von dem man noch hören wird. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 24./25.1.2004)

Von Stefan Gmünder
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    Klaus Merz:
    Das Turnier der Bleistiftritter. Achtzehn Begegnungen. € 15,90/ 128 Seiten. Haymon, Innsbruch 2003.

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