Der Elch, die Fuchsien, der Mörder

29. Jänner 2004, 20:39
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Hakan Nessers neuer Krimi ist ein Entwicklungsroman

Sommer 1967 in einem schwedischen Kaff, wo sich die Elche gute Nacht sagen, ein heftig pubertierender Erzähler namens Mauritz, eine schöne, im dörflichen Einerlei geradezu exzentrische Nachbarsfrau, ihr Ehemann, ein unliebenswürdiger Familientyrann, und die Tochter Signhild, in die der Jüngling von nebenan unsterblich verliebt ist, viel mehr braucht Hakan Nesser nicht für sein Kammerstück.

Eigentlich geht es um den Mord, der am Nachbarn verübt wird. Der vierschrötige Mann wird enthauptet in seinem Schlafzimmer gefunden, der Mörder nicht. Die Geschichte wird aus der Perspektive von Mauritz erzählt und mutiert vom Krimi allmählich in einen wunderbar einfühlsamen Entwicklungsroman. Zwei verwirrte und traumatisierte Jugendliche versuchen, aneinander Halt zu finden.

Das Dorf quillt von Gerüchten über, die Jungen veranstalten die üblichen Saufgelage, die ersten sexuellen Erfahrungen werden gemacht; die aufregende Musik, die aus der großen, weiten Welt auch in das Kaff hereinschwappt, bestimmt die Träume der Teenager. Deren einzige Rebellion besteht darin, beim knochenharten Torfstechen im Sommer so viel Geld zu verdienen, dass sie sich die neuesten Beatles-Platten kaufen können. Und während in London, am Nabel der Welt, Mick Jagger wegen Drogenbesitzes verurteilt wurde, hat in Kumla ein Elch die Fuchsien vorm Rathaus gefressen.

Der erste aus den Ferien zurückgekehrte, zum Hippie mutierte Rüpel wird zum bewunderten Vorbild. Die schöne Nachbarin, die auf so grausame und rätselhafte Weise zur Witwe gemacht wurde, ist schwanger und sagt nicht von wem. Die polizeilichen Ermittlungen sind hoffnungslos festgefahren, und im Herbst verschwindet Signhild, ohne Mauritz zu sagen, warum sie das Dorf verlassen hat. Nesser versteckt alle Erklärungen in einer knappen, melancholischen Rahmenhandlung, die den Mord aufklärt und das Doppelbödige jeder Existenz heraufbeschwört: Nichts ist, wie es scheint, und einen Menschen zu kennen, ist unmöglich. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 24./25.1.2004)

Von Ingeborg Sperl
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    Hakan Nesser:
    Und Piccadilly Circus liegt nicht in Kumla. Aus dem Schwedischen von Christel Hildebrandt. € 22,78/ 334 Seiten. btb, München 2004.

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