Kein Wunder

24. Jänner 2004, 11:00
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Eine unveröffentlichte Kurzgeschichte von Dimitré Dinev

Die Sonne scheint, die Hitze steigt, drei Schwarzarbeiter bauen in Wien für sechs Euro die Stunde ein Haus. Sie bauen schnell. Sie bauen morgens, sie bauen mittags, sie bauen abends. Bezahlt werden sie freitags oder später, so wie der Herr, der sie gemietet hat, will. Würde er wollen, dass sein Haus bis an den Himmel reicht, würden sie es gern so hoch bauen. Aber so viel will keiner bezahlen. Der Herr, der sie gemietet hat, ist bescheiden. Nur zwei Stöcke will er und ein Schwimmbecken. Und bezahlen würde er sie am liebsten später.

Also bauen die drei nur zwei Stock hoch, und der Herr im Himmel bleibt ruhig, weil die Löhne so niedrig und die Herren auf Erden so geizig sind, dass keiner mehr Interesse hat, einen Turm bis an den Himmel zu bauen.

Die drei Arbeiter kommen aus Osteuropa. Der erste, der Meister, ist Tscheche. Seit 50 Jahren ist er auf dieser Welt, seit fünf in Wien. Sein Name ist Karel Nemetz, sein Gesicht noch jung, seine Augen klein und blau, sein Kopf kahl, seine Gedanken in der Heimat, sein Deutsch gut. Er hat auch in Italien gearbeitet. Mit seinem Vater und seinem Sohn hat er dort gearbeitet. Äpfel haben sie gepflückt. Schwere Arbeit soll das gewesen sein. Auf die Bäume sind sie geklettert. Auf dem einen sein 70-jähriger Vater, auf dem anderen sein 22-jähriger Sohn und in der Mitte er, Karel. Nicht nur die Männer der Familie Nemetz, alle Männer der Straße "Pobeda" in Brno hingen in italienischen Apfelbäumen. Hinauf und hinunter hatte man sie gehetzt, für vier Euro die Stunde. Schlimm. Sehr schlimm. Danach ist Karel nach Österreich gekommen und hat bessere Arbeiten gefunden. Sein Vater sei leider inzwischen gestorben, sonst hätte er ihn auch hierher mitgenommen. "Er hat's jetzt ruhig unter der Erde. Keiner kann ihn mehr hetzen, weder hinauf noch hinunter", erzählt Karel, während sie bauen.

Der zweite Arbeiter kommt aus Rumänien, heißt Dan, ist 28, lebt seit sieben Jahren illegal in Wien, hat sieben Kilo abgenommen, schickt seinen sieben Geschwistern immer wieder Geld und, obwohl er mit der deutschen Sprache schon gut umgehen kann, weiß er immer noch nicht, was das Wort Wahrheit bedeutet. Er hat es all die Jahre nicht gebraucht. Ein Visum hat er gebraucht, einen Meldezettel, eine Arbeit, aber nie die Wahrheit. Vor ein paar Tagen hat Karel etwas auf Deutsch erzählt und dieses Wort verwendet. Dan hatte es nicht gekannt. Karel versuchte eine Weile, ihm die Bedeutung dieses Wortes zu erklären, aber bald gab er auf. Es war nicht so wichtig. Dan ist auch ohne die Wahrheit gut zurechtgekommen.

Der dritte Arbeiter kennt die Bedeutung vieler Worte noch nicht. Er heißt Juri, ist 33, kommt aus Moldawien, ist vor einem Jahr aus einem Schiff in Italien gestiegen, hat sich unter die Leute gemischt und ist sechs Monate später plötzlich in Wien aufgetaucht. Deutsch spricht er wenig. Am häufigsten gebraucht er zwei Sätze, die er inzwischen tadellos aussprechen kann. Beide sind Fragen. "Kommt heute der Chef?", lautet die eine. "Wie lange sollen wir noch auf unseren Lohn warten?", lautet die zweite.

Nun bauen alle drei gemeinsam ein Haus. Sie bauen morgens und mittags und abends. Nur bezahlt werden sie, wann der Chef will. Eines Morgens beginnen Juris Hände zu bluten. Er hat in der Nacht, während er in seinem Schlafsack auf der Baustelle schlief, Stigmata bekommen. Da er nicht versichert ist und sich nicht getraut, die Wunden einem Arzt zu zeigen, bleibt den Menschen ein Wunder und der Kirche ein Heiliger vorenthalten. "Es ist vom Schaufeln", meint Karel und holt Verbandszeug aus der Apotheke. "Schnell, der Chef darf das nicht sehen. Sonst nimmt er einen anderen", rät ihm Dan. Juri verbindet seine Hände und arbeitet weiter.

Die Sonne scheint, die Hitze steigt, drei Schwarzarbeiter bauen in Wien für sechs Euro die Stunde ein Haus. Sie sprechen deutsch miteinander. Der erste erzählt viel, am liebsten aber, dass sein Vater nie mehr auf einen Apfelbaum hinauf- oder hinuntergehetzt werden kann. Der zweite erzählt wenig und kennt das Wort Wahrheit immer noch nicht. Der dritte hört zu, schaut einmal seine Kollegen an, einmal in den Himmel und fragt: "Kommt heute der Chef?" und "Wie lange sollen wir noch auf unseren Lohn warten?". Gestern hat er die Stigmata bekommen, aber keiner soll etwas davon erfahren, sonst verliert er seine Arbeit. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 24./25.1.2004)

Der Autor wurde 1968 in Bulgarien geboren, seit 1986 veröffentlicht er in bulgarischer, russischer und deutscher Sprache. Nach seinem Armeedienst in Bulgarien flüchtete er nach Österreich, wo er einige Zeit im Flüchtlingslager Traiskirchen verbrachte.

Sein neuer Roman "Engelszungen" gehört zu den meistbeachteten Büchern der vergangenen Monate.

Siehe auch:

In der Fremde schreiben
Ein Essay von Dimitré Dinev

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