In der Fremde schreiben

24. Jänner 2004, 11:00
posten

Es ist ein weiter Weg in die Fremde und ein noch längerer von der Hand bis zur Feder - Ein Essay von Dimitré Dinev

Was bedeutet es, in der Fremde zu schreiben? Um diese Frage zu beantworten, müssen einige offensichtliche, logische und sehr einfache Bedingungen erfüllt werden. Aber nicht alles, was für den Verstand einfach ist, ist auch einfach für den Körper.

Also, um in der Fremde schreiben zu können, muss man in der Fremde leben. Eine logische, für den Verstand sehr einfache Bedingung. Um in der Fremde leben zu können, muss man aber zuerst in die Fremde gelangen. Eine genauso logische, aber für den Körper sehr anstrengende Bedingung. (Von dieser Analyse ausgeschlossen sind natürlich all jene, die im Besitz des, von Brodski in seinen Dostojewski Analysen so genannten, fünften Elements sind, also des Geldes. Für sie spielen geografische Bedingungen, Entfernungen und Grenzen keine bedeutende Rolle. Sie gehen mit Raum und Zeit anders um.)

Um in der Fremde zu schreiben, muss man also zuerst mit vielen Menschenschmugglern verhandeln und die richtigen wählen. Wenn es beim ersten Mal nicht klappt, entwickelt man zumindest ein gutes Gespür für Menschen, Situationen und Währungen. Oder man verzichtet auf die Schmuggler und geht eigene Wege. Das ergibt dann Folgendes.

Um in der Fremde zu schreiben, muss man über Grenzzäune springen oder darunter durchkriechen, egal, ob es schneit oder regnet, man muss schneller als die Grenzpolizisten zweier Länder sein, in manchen Fällen ist auch Schwimmpraxis erforderlich; und man sollte in dunklen, unbekannten Wäldern auf keinen Fall die Orientierung verlieren, am besten habe man einen Kompass bei sich und vertraue nicht so sehr der Intuition, oder den Schulgeografiekenntnissen, denn wie könnte es in der Fremde auch anders sein, auch ihre Wälder, Felsen und Flüsse sind fremd. Ist man nun endlich in der Fremde, muss man den kürzesten Weg zum Lager finden, denn es mag sein, dass es nicht einfach ist, in die Fremde zu gelangen, aber noch schwieriger ist es, in der Fremde zu bleiben. Weil die Fremde eine Eigenschaft hat, die seltsamerweise von den meisten Fremde-Analytikern nicht sehr beachtet, gar übersehen wird. Dabei ist sie ihre grundlegendste, ihre charakteristischste Eigenschaft überhaupt. Die Fremde kann dich abschieben. Was in der Heimat die Verbannung ist, ist in der Fremde die Abschiebung. Nur dass man viel leichter abgeschoben als verbannt werden kann. Kurz und einfach gesagt, ist die eigentliche Fremde jener Ort, von wo man jederzeit abgeschoben werden kann. (Wie man sich fühlt, oder was man getan hat, ist nur sekundär, es reicht zum Beispiel, wenn man nicht in eine Quote fällt.)

Also um in der Fremde schreiben zu können, muss man zuerst durchs Lager, man muss in Zimmern mit 20 oder mehr, selten weniger Betten übernachten und die heimatliche Unterwäsche (oft sind das nicht mehr als zwei Unterhosen) so lange tragen, bis man Arbeit beziehungsweise Geld gefunden hat. Leider ist der Großteil der Menschheit auf der Suche nach einem von beiden. Nur dass für einen Flüchtling das eine genauso absolut ist wie das andere.

Um in der Fremde zu schreiben, sollte man weiters in Parks, unter Brücken, in abgestellten Zügen oder in öffentlichen Toiletten, zwischen Ratten, Vögeln und Menschen übernachten können und trotzdem Arbeit finden. Man sollte also bedingungslos bereit sein zu schaufeln, zu sägen, zu schneiden, zu schieben, zu schweißen, zu streichen, zu schwitzen, zu servieren, zu meißeln, zu heben, zu tragen, zu kleben, zu malen, zu putzen, zu bauen, zu klettern, zu fahren, zu räumen, zu pumpen, zu bohren, zu hämmern, zu kochen, zu waschen und vor allem zu suchen und zu fragen. In der Fremde zu schreiben, bedeutet, zu schreiben, nachdem man zehn Stunden gearbeitet oder acht Stunden Arbeit gesucht hat.

In der Fremde zu schreiben bedeutet oft, ohne Familie, ohne Verwandte, ohne Freunde, ohne Heim, ohne Halt, ohne Papiere, ohne Meldezettel, ohne Arbeits- und ohne Aufenthaltsbewilligung zu schreiben. Es bedeutet, auch dann zu schreiben, wenn man keine Bestätigung seiner Existenz hat.

In der Fremde zu schreiben, bedeutet, denselben Himmel, dieselbe Sonne, dieselben Sterne, denselben Mond wie die Einheimischen anzuschauen, dieselbe Luft wie sie einzuatmen, derselben Natur, aber nicht denselben Landesgesetzen unterworfen zu sein.

Und was für den Arbeitsmarkt gilt, gilt auch im Bereich der Literatur. Wieso auch nicht? Auch Literatur ist Arbeit. Also sind die meisten Literaturstipendien, genau wie die Arbeitsplätze, an die Staatsbürgerschaft gekoppelt. Die Herkunft des Autors ist wichtiger als seine Sprache. So tut man sich auch leichter bei den Entscheidungen. Die Frage, woher man kommt, ist viel leichter zu beantworten als die Frage, wer man ist, oder die Frage, wohin man geht, geschweige denn, wie gut man schreibt. Es ist ein langer Weg, bis man in die Fremde gelangt, aber ein noch längerer ist der Weg der Hand bis zur Feder. Sollte man aber auch diesen gehen und das erste Wort niederschreiben und danach das nächste, bis das Blatt genauso schwarz wie weiß ist, sollte man also eines Tages doch in der Fremde weiterschreiben, oder auch erst damit beginnen, dann hat man das begriffen, was jeder Autor irgendwann erfährt, nämlich, dass das Wort seine Heimat ist. (ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 24./25.1.2004)

Ein Essay von Dimitré Dinev

Der Autor wurde 1968 in Bulgarien geboren, seit 1986 veröffentlicht er in bulgarischer, russischer und deutscher Sprache. Nach seinem Armeedienst in Bulgarien flüchtete er nach Österreich, wo er einige Zeit im Flüchtlingslager Traiskirchen verbrachte.

Sein neuer Roman "Engelszungen" gehört zu den meistbeachteten Büchern der vergangenen Monate.

Siehe auch:

Kein Wunder
Eine unveröffentlichte Kurzgeschichte von Dimitré Dinev

  • Artikelbild
    foto: album
Share if you care.