Kitz

28. Jänner 2004, 14:26
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Das Fenster mit den Schlieren zum Hof

Kitz ist der Sage nach ein Dorf in den Bergen. In Wahrheit ist Kitz - neben der jungen Gams, die es natürlich auch ist - ein Fenster, durch das zuzeiten die Welt nach Österreich schaut und umgekehrt, eine Art Neujahrskonzert des Wintersports. Und so, wie das eben bei einem Fenster ist: Man sieht es nicht, und wenn man es sieht, dann stört es. Und zwar so sehr, dass es den schlimmsten Putzmuffel in einen Fimmel treibt.

Schlieren, Wasserflecken, Eisblumen und eine ganz, ganz dicke Staubschicht trüben die Sicht, verzerren das Gesichtete und den Sichtenden gleichermaßen, sodass am Ende man tatsächlich der Meinung sein könnte, so was wie Kitz könne nur einer beschreiben, der wie Robert Seeger redet oder wie Hansi Hinterseer singt. Karl Moik also.

Kein Mensch kann sagen, unter welchem Sternzeichen Kitz das Licht der Welt erblickte, noch, was seine Hobbys sind. Gesichert ist nur, dass es das Kind bayrischer Eltern ist - die nannten sich Chizzo und den Hügel, den sie 1165 in Besitz nahmen, demgemäß Chizbuehel. Das Ding mit den zwei gebogenen Krickerln hat damit also nichts zu tun. Das kam erst später dazu, wenngleich nicht zufällig. Kitz ist ja in gewisser Weise ein Gehörnter, auch wenn man sich knapp jenseits der Fensterscheibe angewöhnt haben dürfte, einen solchen mit Geweih darzustellen. Aber was soll's.

"Aber was soll's" - das ist eine Art übergeordneter Sinnspruch, der sich rund ums Kitzbüheler Horn spannt wie "Paramount" im Vorspann der gleichnamigen Filme. Kein noch so vom Putzfimmel Geschurigelter kann sich doch wirklich über die so PR-wirksam inszenierte Ausgelassenheit der Partys mokieren, über das bemerkenswert öde Zelebrieren des Besserseins oder gar die so inbrünstig beschworene Österreicherei der Österreicher, die hier - in und mit Kitz - zum alljährlichen Höhepunkt findet, bevor mit dem Opernball ein fast gleichwertiger Schlussstrich unter das Ganze gezogen wird.

Ja, die Österreicherei! Was sind hier nicht schon für Legenden gewachsen? Ersparen wir uns die endlose Liste der Namen. Nur so viel: Toni Sailer rittert um den Bürgermeister. Ersparen wir uns die Liste der Schlüsselstellen.

Erinnern wir uns bloß kurz daran, wie sehr wir das alles dem ORF verdanken, dessen Bilder so eindrucksvoll (innovativ) und innovativ (eindrucksvoll) sind, dass man füglich behaupten darf, die Leistung der Übertragung gleiche jener der Übertragenen - und das nicht nur im übertragenen Sinn.

Freilich wollen wir uns schon noch daran erinnern, dass, so wie Kitz selbst, auch der ORF (Superzeitlupe, Hubschrauberregieplatz, Kreisloptik-Kamera) nichts anderes ist als ein Fenster. In dem Moment, da man es sieht, stört es nur noch. (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD PRINTAUSGABE 23./24.1. 2004)

  • Das Kitz auf dem Bühel über 
Kitzbühel: das letzte lebende 
Fabeltier des TV-Zeitalters.

    Das Kitz auf dem Bühel über Kitzbühel: das letzte lebende Fabeltier des TV-Zeitalters.

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