"Je größer die Katastrophe..."

23. Jänner 2004, 18:27
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Die Misere der Josefstadt: Die Wiener Grünen bohren nach

Wien – Keine zwei Wochen ist es her, dass die Gesellschafter des Theaters in der Josefstadt Hans Gratzer vor die Türe setzten, weil ein finanzielles Fiasko drohte. Konsequenzen aus der Bestellung des Regisseurs, zu der das Privattheater vor zwei Jahren nur auf sanften Druck der Subventionsgeber bereit war, zogen die Kulturpolitiker nicht. Was Marie Ringler, die Kultursprecherin der Wiener Grünen, ziemlich verärgert. Achselzuckend zur Tagesordnung überzugehen sei, meint sie, kaum die richtige Vorgangsweise. Und brachte daher eine Anfrage an Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SP) ein, der sich einst geweigert hatte, den Wunschkandidaten der Josefstadt, Karlheinz Hackl, als Direktor zu akzeptieren.

Ringler: "Wie gedenken Sie nach diesem Debakel den vakanten Posten der Theaterdirektion zukünftig zu besetzten, wenn Helmuth Lohner als Übergangslösung die Leitung abgibt? Sind Sie der Meinung, dass die handstreichartige Übernahme durch Helmuth Lohner eine gute Idee ist? Welche prinzipiellen Konsequenzen werden Sie aus der desaströsen De-facto-Ausschreibung, die zu Hans Gratzer als Leiter führte, ziehen?"

Ringler möchte zudem über den gegenwärtigen Schuldenstand informiert werden. Für die Finanzmisere ist ja Gratzer nur bedingt verantwortlich (der Einnahmenverlust der laufenden Saison gegenüber dem Budgetplan beläuft sich auf 400.000 Euro): Die Schulden häuften sich in den 90er- Jahren an. Zusammen mit den Subventionsgebern wurde daher ein radikales "Sanierungskonzept" ausgearbeitet. Ringler stellt daher auch die Frage: "Wie kann es sein, dass ein ehemaliger Geschäftsführer, der wohl schon durch seine Funktion Mitverantwortung für die Schulden trägt, heute immer noch in der Gesellschafterversammlung des Theaters sitzt?"

Als weitere Maßnahme verlangte Mailath (aber auch schon unter seinem Vorgänger Peter Marboe wurde darüber nachgedacht) die Umwandlung des Privattheaters in eine Stiftung. Dazu kam es bis dato aber nicht – wohl auch deshalb, weil die Gesellschafter kaum gezwungen werden können, ihre Anteile zu stiften. Ringler: "Denken Sie, dass die Umwandlung in eine Stiftung zur Verbesserung der schwierigen Situation der Subventionsgeber gegenüber dem Theater beitragen wird?"

Letzte Frage an Mailath: "Was haben Sie aus dieser traurigen kulturpolitischen Episode gelernt?" Ringler glaubt die Antwort bereits zu kennen: "Je größer die Katastrophe, desto geringer die Konsequenzen." (DER STANDARD, Printausgabe, 24./25.1.2004)

Von
Thomas Trenkler
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