Versöhnungsgeste eines Vertriebenen

29. Jänner 2004, 12:24
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Carl Djerassi stiftet der Albertina eine Skulptur, die George Rickey für ihn geschaffen hatte

Wien - "Four Lines Oblique II" heißt eine 1969/70 aus geschliffenem Nirostastahl geschaffene Skulptur, die der Amerikaner George Rickey (1907-2002) für Carl Djerassi geschaffen hat. Seit heute steht das neun Meter hohe Mobile, dessen vier Speer-gleiche Arme vom Wind ständig in Bewegung gehalten werden, auf der burggartenseitigen Bastei vor der Albertina. Als Zeichen seiner "Versöhnung mit Wien", jener Stadt, aus der er 1938 vor den Nationalsozialisten fliehen musste, hat der weltberühmte Wissenschafter dieses rund 700.000 Euro teure Stück seiner reichen Kunstsammlung über die American Austrian Foundation der Albertina als Dauerleihgabe gestiftet. Heute, Freitag, Vormittag fand unter strahlend blauem Winterhimmel vor zahlreichen prominenten Gästen die feierliche Übergabe statt.

Am 9. Jänner wurde Carl Djerassi, der seit 1945 US-Staatsbürger ist, sowie seiner Frau Diana Middlebrook die österreichische Staatsbürgerschaft verliehen. "Das Geschenk hat aber nicht damit, sondern mit meiner emotionalen Versöhnung mit Wien zu tun", erläuterte Djerassi bei der Feierstunde. Zu dem Geschenk habe er sich bei der Eröffnung der Albertina entschlossen, wo ihn die große Zahl der anwesenden Politiker und die hohe Qualität der Reden beeindruckt habe. "So etwas wäre bei einer Museumseröffnung in den Staaten nicht möglich." Die Skulptur sei eines seiner Lieblingsstücke ("Klee ist mein Lieblingsmaler, Rickey mein Lieblingsbildhauer"), die vier beweglichen "Linien", die scheinbar nicht miteinander verbunden seien, sehe er als "Metapher für mein eigenes Leben". "Ich bin ein intellektueller Polygamist", sagte Djerassi, "meine vier Leben sind die Naturwissenschaft, die Kunst, die Literatur und das Drama."

Wurzeln nicht gekappt

Seine Wiener Wurzeln hätten sich nach vielen Jahrzehnten, in denen er "assimilierter Amerikaner" war, wider Erwarten doch als nicht abgestorben herausgestellt, meinte der Entdecker der Synthetisierung der Hormone Cortison und Gestagen. So sei etwa der Kern seiner profunden Bildung und sein vielfältiges künstlerisches Interesse sicher auf seine Kindheit in Wien zurückzuführen. Djerassis auch von Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder gerühmte Dualität als Wissenschafter und Künstler (seit 1987 arbeitet er auch als Schriftsteller) kommentierte Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (V): "Das erhärtet meine Auffassung von dem, was jungen Menschen alles mitgegeben werden soll, nämlich eine gute Wissensgrundlage und kreativ-musische Förderung." Sie freue sich, dass er jetzt Österreicher sei, "trotz der schmerzlichen Erfahrungen, die Sie gemacht haben", und bereitete auch Schröder Freude: Nach den Jahren der Budget-Deckelung der Museen sei es nun "an der Zeit, über die Notwendigkeiten für 2005 und 2006 zu sprechen".

George Rickey gilt als einer der Hauptvertreter der kinetischen Skulptur. "Wie der Maler mit Farben und Flächen umgeht, so arbeitet der kinetische Künstler mit Bewegungen, die an gewisse Zeitspannen gebunden sind", erläuterte der zweifache documenta-Teilnehmer, dessen Werke sich in den wichtigsten Museen der Welt befinden, einmal seine Arbeit. "Four Lines Oblique II" ist die erste Arbeit Rickeys, die dauerhaft in Österreich zu sehen ist. (APA)

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