Blasenkrebs wird zu spät diagnostiziert

26. Jänner 2004, 10:00
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Urologe beklagt Stagnation seit 40 Jahren"

Frankfurt/Main - Die enormen Fortschritte der modernen Medizin kommen vor allem den Therapien zugute. Die Früherkennung von Krankheiten dagegen ist noch immer eher ein Stiefkind des Gesundheitswesens. Besonders deutlich zeigt sich das beim Blasenkrebs: Zwar können mittlerweile viele Patienten nach einer Operation dank verfeinerter Techniken wieder ein weitgehend normales Leben führen. "Leider herrscht dafür bei der rechtzeitigen Diagnose dieses Tumors seit 40 Jahren Stagnation", beklagt der Urologe Gerson Lüdecke von der Universitätsklinik Gießen.

In Deutschland erkranken jährlich 18.000 Menschen an Blasenkrebs. Betroffen sind vor allem Männer zwischen 60 und 80 Jahren, der Frauenanteil liegt bei lediglich 25 Prozent. Hauptursache ist das Rauchen: Die Krebs erregenden Substanzen der Zigaretten werden von der Niere aus dem Blut gefiltert und gelangen mit dem Urin in die Blase, wo sie langfristig die Schleimhaut schädigen. Aber auch der regelmäßige Kontakt mit rund 50 verschiedenen Chemikalien erhöht das Risiko. Im Verdacht stehen besonders die aromatischen Amine, die lange Zeit in der Gummi- und Textilindustrie sowie im Straßenbau eingesetzt wurden und noch heute in manchen Haarfärbemitteln zu finden sind.

Routineuntersuchungen gefordert

Rund 6.000 Patienten sterben pro Jahr an den Folgen des Blasenkrebses - trotz der immer besseren Therapiemöglichkeiten. Bei den meisten Todesopfern wurde das Karzinom erst diagnostiziert, als die typischen Alarmsignale bereits vorlagen: Blut im Urin, verstärkter Harndrang und starke Schmerzen beim Wasserlassen.

"Die Erkrankung wird noch immer oft zu spät festgestellt", stellt Lüdecke fest, der im Internet einen kostenfreien Risikocheck anbietet. Jeder dritte Patient leide zum Zeitpunkt der Diagnose an einem Tumor, der sich bereits bis in die Muskulatur der Blasenwand ausgebreitet habe. "So weit waren wir schon in den sechziger und siebziger Jahren", kritisiert der Urologe. Er fordert daher, Risikopersonen ab einem Alter von etwa 50 Jahren routinemäßig auf Blasenkrebs untersuchen zu lassen.

Schnelltest

Eine zuverlässige Diagnose dieses Karzinoms war früher ausschließlich über die relativ belastende Zystoskopie, also die Spiegelung der Harnblase, möglich. Mittlerweile steht den Urologen ein einfacher und wesentlich schonenderer Schnelltest für die Früherkennung zur Verfügung: die Untersuchung des Urins auf das so genannte nukleäre Matrixprotein 22 (NMP22). Dieser Tumormarker wird von den Krebszellen produziert und kann schon nach 30 Minuten nachgewiesen werden.

Wird das Karzinom im frühen Stadium erkannt, lässt es sich mit Hilfe eines Endoskops sehr schonend von der Schleimhautschicht der Blase entfernen. Im späteren Stadium müssen die Ärzte dagegen häufig die gesamte Blase, die benachbarten Lymphknoten und gegebenenfalls weitere Organe wie die Prostata bei Männern oder die Gebärmutter bei Frauen herausschneiden.

Chemo- oder Strahlentherapie empfohlen

Zusätzlich zum chirurgischen Eingriff empfehlen die Experten bei vielen Patienten eine Chemo- oder Strahlentherapie, um eine Rückkehr des Karzinoms zu verhindern. Denn diese Gefahr ist bei Blasenkrebs überdurchschnittlich hoch: Rund 50 bis 70 Prozent der Patienten erleiden einen Rückfall, weil bei der ersten Operation der Primärtumor oder kleine Ausläufer und Vorstufen des Krebses nicht vollständig erkannt und entfernt werden konnten.

Vorbeugen lässt sich dem bösartigen Leiden am ehesten, indem Risikofaktoren wie Rauchen gemieden werden. Aber auch mit der richtigen Ernährung lässt sich die Krebsgefahr reduzieren: Wer regelmäßig viel Kohl und Brokkoli ist oder täglich mindestens zweieinhalb Liter trinkt, halbiert das Erkrankungsrisiko. (APA/AP)

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