Bemerkenswerte Brieffunde

27. Jänner 2004, 12:50
posten

Was Kafka in tschechisch an Ruzenka Wettenglova schrieb - Und warum van Gogh wohl doch keinen Schuldkomplex hatte

Prag / Amsterdam - Ein bisher angeblich unbekannter Brief des Schriftstellers Franz Kafka (1883-1924) ist nach tschechischen Medienberichten in den Niederlanden aufgetaucht. Das zweiseitige Schreiben stamme vermutlich aus dem Jahr 1917 und sei wie nur wenige Aufzeichnungen des deutschsprachigen Autors in Tschechisch verfasst, berichtete die Zeitung "Lidove noviny". Kafka habe den Brief, von dem eine Seite fehle, an die Tschechin Ruzenka Wettenglova geschrieben, eine Freundin seiner Schwester Ottla.

Nach Angaben der Zeitung hatte der niederländische Slawist Aime van Santen (1917-1988) das Schreiben nach seiner Zeit als Lektor an der Universität in Olomouc (Olmütz) Anfang der 50er Jahre in die Niederlande mitgenommen. Weitere Details nannte die Zeitung nicht. Das mit "Dr Kafka" unterzeichnete Schreiben habe der Autor der Erzählungen "Die Verwandlung" und "Das Urteil" vermutlich im nordböhmischen Ort Zürau (Sirem) geschrieben, hieß es. In dem Brief berichtet Kafka, in die Nähe der Prager Burg ziehen zu wollen.

Der "außergewöhnliche Fund" sei vor allem für das Studium von Kafkas Tschechischkenntnissen "bedeutend", betonte der Prager Literaturhistoriker Josef Cermak in "Lidove noviny". Neben den Schreiben, die der Autor beruflich für die Versicherungsanstalt verfasst habe, seien nur etwa drei Dutzend tschechischsprachige Texte bekannt, unterstrich Cermak. Das handschriftliche Fragment sei der einzige Brief von Kafka an Wettenglova, der erhalten geblieben sei.

Kein Schuldkomplex

Einen bisher unbekannten Brief des Malers Vincent van Gogh hat das Van-Gogh-Museum in Amsterdam am Donnerstag erstmals ausgestellt. Mit dem Schreiben vom August 1877 an den Den Haager Kunsthändler Tersteeg bezeugte der damals 24-Jährige sein Mitgefühl zum Tod der kleinen Tochter des Geschäftsmannes. Experten bestätigten nach jahrelangen Untersuchungen, dass das Dokument echt ist.

Van Gogh wohnte seinerzeit bei seinen Eltern in Amsterdam und bereitete sich auf eine Ausbildung zum Laienprediger vor. In dem mit Bibelzitaten gespickten Schreiben bezieht sich der Autor unter anderem auf seinen jüngeren Bruder. Die Erwähnung des ein Jahr vor der Geburt des Malers gestorbenen Bruders, der ebenfalls Vincent hieß, wird von den Fachleuten als bemerkenswert angesehen. Dies deute darauf hin, dass er entgegen anders lautenden Vermutungen nicht an einer Art Schuldkomplex wegen des toten Vincent gelitten habe.

Von Van Gogh sind etwa 900 Briefe erhalten, die er überwiegend an seinen als Kunsthändler tätigen Bruder Theo in Den Haag geschrieben hat. Ein in dem Kondolenzbrief erwähntes Schreiben an Theo van Gogh, das zur Sammlung des Museums gehört, bekräftigte die Echtheit des jetzt vorgestellten Fundes. Die meisten Van-Gogh-Briefe befinden sich im Besitz des Museums in Amsterdam. (APA/dpa)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Licht in ein Dunkel um K.

Share if you care.