Hamburger Terrorprozess: Rätselhafter Zeuge soll aussagen

23. Jänner 2004, 19:42
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Hatte ausgesagt, Angeklagter Mzoudi sei "in der Logistik" zu 9/11 "tätig gewesen" - Gericht zweifelt offenbar an Glaubwürdigkeit

Hamburg - Der überraschend aufgetauchte neue Zeuge im zweiten Hamburger Terrorismusprozess soll in der kommenden Woche persönlich vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht (OLG) aussagen. Der Strafsenat forderte die Bundesanwaltschaft am Donnerstag auf, den von ihr benannten anonymen Informanten zu einer Aussage vor Gericht zu bewegen. Der Zeuge hatte den Angeklagten Abdelghani Mzoudi in einer Vernehmung beim Bundeskriminalamt (BKA) mit Berufung auf eine "Quelle" im iranischen Geheimdienst belastet.

Das Gericht zweifelt jedoch offenbar an seiner Glaubwürdigkeit. Der inzwischen in Deutschland lebende Mann versichert, gleichzeitig für den iranischen Nachrichtendienst und den US-Geheimdienst CIA gearbeitet zu haben. Wie zwei BKA-Beamte am Donnerstag vor Gericht schilderten, behauptet der angebliche Geheimdienstmann, der Angeklagte Mzoudi sei "in der Logistik der Operation 11. September 2001 tätig gewesen".

Mzoudis "Arbeitsbereich" innerhalb der Hamburger Terrorzelle um den Todespiloten Mohammed Atta sei "der Entwurf und die Entsendung von Informationen an Verbindungsleute" gewesen. Denn Mzoudi habe sich "mit Codes gut ausgekannt". Der Informant, der unter dem Decknamen Hamid Reza Zakeri auftritt, berichtete demnach auch, das Terrornetzwerk El Kaida wolle den Angeklagten "eliminieren". Hintergrund sei, dass Mzoudi verdächtigt werde, mit den deutschen Behörden zusammenzuarbeiten. Aus seiner Arbeit für den iranischen Nachrichtendienst will der Zeuge zudem wissen, dass die Anschläge vom 11. September im Iran vorbereitet wurden. Hauptverantwortlich sei der hochrangige El-Kaida-Terrorist Saif El Adel gewesen.

Weil die Bundesanwaltschaft dem Zeugen Vertraulichkeit zugesichert hat, war zunächst unklar, ob er tatsächlich vor Gericht erscheint. Der Vorsitzende Richter Klaus Rühle machte am Donnerstag keinen Hehl aus seiner Verwunderung über den Umgang der Ermittler mit dem Zeugen. Wie Bundesanwalt Bruno Jost dem OLG berichtete, hatte der Informant ihn schon im Oktober auf sein angebliches Hintergrundwissen über den des 11. September berichtet. Jost gab diese Information jedoch angeblich nicht weiter, weil er sich nur mit dem so genannte Mykonos-Verfahren befasse. Erst als der Mann vergangene Woche beim Mittagessen die Morddrohungen gegen Mzoudi erwähnte, habe er Kollegen alarmiert. Rühle nannte dies "unglaublich".

Unklar blieb, ob der Zeuge eine Bezahlung für seine Informationen über Mzoudi erwartet. Laut BKA sprach der Mann bei seiner Vernehmung von "Bedingungen" für weitere Aussagen, die noch zu klären seien. Die BKA-Beamten bestätigten, dass der Zeuge soviel Geld haben wolle, dass er "davon seinen Lebensunterhalt bestreiten" könne. Bundesanwalt Jost versicherte aber, er habe dem Mann klar gesagt, dass er kein Honorar bekomme.

Die Person des Zeugen blieb trotz Nachfragen des Gerichts mysteriös. Die BKA-Beamten wollten keine Einschätzung zur Vertrauenswürdigkeit des Mannes abgeben. Das BKA sei bei der Prüfung seiner Angaben "noch ganz am Anfang". Nach Einschätzung von Bundesanwalts Jost waren die bisherigen Angaben des Mannes zum Mykonos-Verfahren aber "glaubwürdig". Der Zeuge bekleidete laut Jost nach eigenen Angaben bis Mitte 2001 eine leitende Funktion beim iranischen Geheimdienst. Er sei "in Absprache mit französischen Behörden" nach Deutschland gekommen und habe auch Kontakt zum Bundesnachrichtendienst (BND) gehabt.

Die Bundesanwaltschaft hatte den neuen Zeugen am Mittwoch überraschend aufgeboten. Daraufhin verschob das OLG die eigentlich für Donnerstag geplante Urteilsverkündung. Mzoudi steht seit August vergangenen Jahres wegen des Vorwurfs der Mitgliedschaft in der Hamburger Terrorzelle und der Beihilfe zum Mord an mehr als 3.000 Menschen vor Gericht. (APA)

  • Mzoudi steht wegen des Vorwurfs der Mitgliedschaft in der Hamburger Terrorzelle und der Beihilfe zum Mord an mehr als 3.000 Menschen vor Gericht.
    foto: epa/kay nietfeld

    Mzoudi steht wegen des Vorwurfs der Mitgliedschaft in der Hamburger Terrorzelle und der Beihilfe zum Mord an mehr als 3.000 Menschen vor Gericht.

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