Kein Grab mehr neben Marlene Dietrich

22. Jänner 2004, 18:46
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Teil 10 von Ilse Aichingers Artikelserie "Schattenspiele"

Unlängst an einem frühen Nachmittag sah ich auf dem Bildschirm - draußen ein grauer, nichts sagender Himmel - kurz nach den Nachrichten die verblüffte, leicht empörte Miene eines jüngeren Mannes, überflog noch einmal das Kinoprogramm und entschloss mich zu bleiben, wo ich war, um ihn anzuhören. Es ging um Aids.

Seine Empörung war nicht aufgesetzt, und er wandte sich an eine Instanz, die ihn gleichgültig anhörte, ohne ihm zuzuhören, halb gierig und ganz interesselos: das Fernsehen. Sein Tonfall war nicht larmoyant und der Anlass seiner Klage nicht ganz unbegreiflich, nur ungewöhnlich: Er beklagte nicht das Sterben, sondern das Weiterleben.

Es passierte so: Er hatte gegen jede Erwartung ein verschlossenes Kuvert im Türschlitz gefunden. Noch ehe er es öffnete, geriet er in eine leichte Euphorie: Irgendwer - wer auch immer - hatte seinetwegen eine Nachricht verfasst und zur Post gebracht. Nur kurz genoss er die freudige Verblüffung, ehe er den Umschlag vorsichtig öffnete. Wer schrieb ihm, wer hatte ihm auch nur das Geringste zu sagen, was würde er erfahren? Seine Neugier erwachte, aber sie war nicht brennend. Im Umschlag war nur ein Formular, nur der Abglanz eines Briefes, immerhin eine Nachricht. Der Befund einer Routineuntersuchung, zu der man ihn überredet hatte.

Er las langsam, wollte den unerwarteten Zustand, endlich wahrgenommen zu werden, auskosten. Das gelang ihm selbst angesichts der Nachricht, die ihn aus allen Träumen riss: Der medizinische Test habe ihn als "HIV-positiv" ausgewiesen. Das bedrohliche Formular riss ihn aus der Langeweile, die ihn schon zu ersticken gedroht hatte. Endlich empfand er sich definiert, wenn auch verurteilt: Er hatte jetzt genug zu tun, die Zeit drängte. Er versuchte, seine Euphorie zu besänftigen, und überlegte die entscheidenden Schritte, ihre Ökonomie und ihre Reihenfolge, er notierte die Behörden, Bezirksämter, Katasterämter, alternativen Gesundheitsämter und Bestattungsunternehmen.

Er war schon seit seiner frühen Kindheit jeden Augenblick gerne gestört worden und hatte schon oft überlegt, wie man den groben Satz "Wünsche, nicht gestört zu werden" subtiler formulieren könnte. Da er jetzt wirklich nicht mehr gestört zu werden wünschte - er hatte ein Ziel -, stieg der Wunsch nach einer lakonischen Formulierung. Seine Langeweile war dahin, endlich begriff er, wie kompliziert und anregend seine Existenz sein konnte, wie viele Möglichkeiten von Aufstieg oder Niedergang auch seiner Wirklichkeit zu sich selbst verhalf. Er hatte ein Ziel: ein Grab in Berlin, dort, wo Marlene Dietrich liegt, neben ihr. Die letzten Wochen seines Lebens würde er benötigen, um dieses Ziel zu erreichen: Anträge, Eingaben, Behördenwege.

Gegen alle Widerstände erreichte er, was er wollte, er bekam dieses Grab. Er war glücklich. Bis zur nächsten Vorladung zur Untersuchung, zum nächsten Spitalsaufenthalt, zum nächsten Befund. Er sah der zögernden Arztgruppe freundlich entgegen, entdeckte eine gewisse Ratlosigkeit. Nach seiner Frage, was es denn sei, was die ungewöhnliche Verlegenheit der Visite erklären könnte: Es war eine Fehldiagnose. Er war gesund, "positiv" war nichts mehr, HIV nicht, aber sonst auch nichts.

Er lag still auf der Matratze, während seine Träume einstürzten. Kein Grab neben Marlene Dietrich. Er hatte keine Eile mehr. Keine Eile für die Absagen an das Katasteramt, die Friedhofsverwaltung und Bestattungsunternehmen. Es war nichts mehr zu tun, nichts anderes mehr, als mit einer unabsehbar verlängerten Existenz fertig zu werden. Er hatte sich auf dieses Grab gefreut, und jetzt hatten wohl andere, die vor ihm sterben würden, Vorrang. Er verfluchte die Götter und vor allem die Göttinnen. Auf Marlene Dietrichs Grabstein steht: "Hier steh ich an den Marken meiner Tage. Marlene Dietrich (1901 - 1992)"

Aber wie sollte einer, dem die Marken seiner Tage abhanden gekommen waren, einer, dem fürs Erste alle Felle weggeschwommen waren, die entscheidende Konsequenz aus Marlenes letzter Bemerkung zur Lage finden und sich darauf einlassen: nicht seinen eigenen Tod, sondern sein eigenes Weiterleben zu akzeptieren? Marlene Dietrich war auch in verzweifelten Fällen oft hilfsbereit und hilfreich gewesen. Und dieser Fall könnte ein Fall für sie sein: nicht leicht lösbar und absurd genug.
(DER STANDARD, Printausgabe, 23.1.2004)

Die nächste Folge lesen Sie kommenden Freitag.
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