Arundhati Roy: Fragwürdige Botschaft, verständliche Wut

5. Juli 2005, 07:41
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Klaus Werner im über Unverständnis und Empörung, die die jüngste Rede der Friedensaktivistin auslöste

Die martialische Rede der Friedensaktivistin am Weltsozialforum in Bombay hat nicht nur bei deklarierten Gegnern der "No global"-Bewegung Unverständnis und Empörung ausgelöst. – Zu Recht?


Zugegeben, mich hat's auch gerissen, als ich von den Appellen der indischen Schriftstellerin Arundhati Roy gelesen habe, die am Weltsozialforum forderte, "den Widerstand im Irak nicht nur zu unterstützen, sondern selbst zum Widerstand im Irak zu werden".

Ich kenne so wie die meisten von uns nur die Bilder von diesem Widerstand aus den Medien: Menschen- und selbstverachtende Attentate, blutige Gräueltaten gegen die Menschlichkeit im Namen des Freiheitskampfes eines Volkes, den man für legitim erachten, dessen Ausdrucksformen man aber auch als uninformierter, in der warmen Stube sitzender Wohlstandsbürger nur verurteilen kann.

Sich diesem Widerstand anschließen? Da werden Bilder wach von plumpem Antiamerikanismus, von jenen Wohlstandsbürgern, die vor einem Jahr auf Anti-Bush-Demos Bilder von Saddam Hussein hochgehalten haben und unter dem Mantel des Friedens den Schlächter von Bagdad heroisierten. Nein danke.

Bedrohliche Ahnung

Wer Arundhati Roys berührende Texte gelesen hat, auch jene nach dem 11. September, weiß aber, dass sie mit Plumpheit und Kriegsrethorik nichts gemein hat. Dass sie in wohltuender Weise in einer Zeit, in der viele – auch aus Pietät gegenüber den Opfern – zu Recht schmähstad waren, differenzierte Zweifel, aber auch die latente Wut von Millionen von vergessenen Opfern artikuliert hat – ohne deren Leid gegen das der Terroropfer von New York aufzurechnen.

"Das Weltsozialforum muss bedenken, dass es sich im Krieg befindet", brachte Roy ihre Kampfansage in Bombay auf den Punkt. Starker Tobak. – Und ob die Dichterin nun wörtlich meint, dass wir den Widerstand dagegen auf den Schlachtfeldern der derzeit prominentesten Krisenregion führen sollen oder ob das als Metapher eines Kampfes gegen ein hegemoniales Empire gemeint ist: Man schluckt jedenfalls. Ein Sprecher von Attac Deutschland distanziert sich, die Einpeitscherin sieht sich selbst zur Klarstellung genötigt, dass selbstverständlich nur gewaltloser Widerstand gemeint sei. Nicht nur Hans Rauscher (Standard, 20. 1.) fühlt sich dennoch bestätigt, dass "die Anzeichen für eine Radikalisierung (...) deutlich sind".

Ja, die Anzeichen sind deutlich. In diesem Fall nicht jene des Antisemitismus, den "rau" Roys Antiamerikanismus unterstellt. Dafür gab es keine Hinweise. Was die indische Intellektuelle aber artikuliert, ist etwas, das jeder, der in ^arme Länder reist, noch viel "undifferenzierter" erfährt: die Tatsache, dass die Globalisierung nicht nur eine Fortsetzung ausbeuterischer Kolonialpolitik mit radikaleren Mitteln ist, sondern dass sie auch bewirkt hat, dass ihre Opfer von den globalen Zusammenhängen dieser Ausbeutung wissen – oder schlimmer: eine Ahnung haben.

Die Wut wächst, und wenn es nicht gelingt, sie in gewaltlosen Proteste zu kanalisieren, wird sie sich in Form von Terror, Kriminalität und letztlich in Form von blutigen, weltweiten Kriegen entladen.

Jeden Tag sterben 100.000 Menschen an den Folgen dieser Ausbeutung. Die 380 Reichsten besitzen so viel wie die 2,5 Milliarden Ärmsten der Welt – Letztere haben keinen Zugang zu Trinkwasser, zu Schulen, zu medizinischer Versorgung, zu nichts. Und immer mehr von denen wissen, warum das so ist.

Wenn Arundhati Roy jene, die es sich leisten können, sich in ein Flugzeug zu setzen und in Bombay für "eine andere Welt" zu demonstrieren, zum Widerstand auffordert, versucht sie, einen anderen, einen blutigen Krieg zu verhindern. Sie versucht, der Wut über das Elend eine Form zu geben, weil sie, anders als westliche Intellektuelle, "nahe dran" ist an einer Empörung, die sich im globalen Kontext nicht intellektuell artikulieren kann und deshalb zur Destruktivität und Instrumentalisierbarkeit neigt. Indem sie uns, den Wohlstands- Globalisierungskritikern hinknallt, dass "eine andere Welt" mehr braucht als bescheidene Reformen und Lagerromantik, schützt sie uns und sich selbst vor dem unartikulierten Hass, der zahlreiche Kulturen der Verlierer bereits infiziert hat.

Falsche Gewichtung

Was man der Dichterin in diesem Fall aber vorwerfen muss, ist die Tatsache, dass sie ihre Kritik so reduziert formuliert hat: Der Irak ist bei weitem nicht das herausragendste Opfer imperialer Ausbeutung. Fast alle afrikanischen Länder, weite Teile Asiens und Lateinamerikas, ein großer Teil der Bevölkerung der USA und zunehmend auch breite Schichten in Europa zählen zu den Verlierern einer globalen Spaltung, die sich selbst ra^dikalisiert, indem sie den sozialen Zusammenhang auflöst.

Und auch die Gegner in diesem "Krieg" sind nicht nur in den USA zu suchen, sondern ebenso in den neoliberalen Regierungen von Rot-Grün (Deutschland) bis Schwarz- Blau (Österreich), in korrupten Konzernetagen und bei deren korrupten Kollaborateuren in der so genannten Dritten Welt.

Wie auch immer: Das Ge-‑ genmodell muss ein gewaltloses sein. Es ist ein Modell, dass sich seit Jahrtausenden bewährt und dabei stets seine Modernisierungsfähigkeit bewiesen hat, indem es immer wieder den Kampf gegen diejenigen geführt hat, die es zerstören wollten. Es heißt – Demokratie. Und der Widerstand gegen jene Eliten, die dieses Modell gefährden, muss gewaltig sein, damit er nicht irgendwann gewalttätig wird. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.1.2004)

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    "Wer Arundhati Roys berührende Texte gelesen hat, auch jene nach dem 11. September, weiß aber, dass sie mit Plumpheit und Kriegsrethorik nichts gemein hat."

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