Euro auf Talfahrt

30. Jänner 2000, 21:20

Neue Rekordtiefstände des Euro am Freitag: Investoren vertrauen auf den Greenback.

KOMMENTAR
Härte nach innen
Solange über die Wechselkurs- verschiebung nicht Inflation importiert wird, kommt ein schwacher Euro der Wirtschaft zugute. Von Günther Barburek

Wien - Der Euro hat am Freitag gegenüber dem Dollar neue Tiefststände erreicht. Vor fast 13 Monaten mit einem Wechselkurs zum US-Dollar von knapp 1,18 eingeführt, ist der Euro am Donnerstag erstmals hartnäckig unter der Dollar-Parität geblieben. "Daran wird sich auch in den kommenden Monaten nichts ändern", sagt der Finanzexperte des Instituts für Höhere Studien (IHS), Christian Helmenstein, im Gespräch mit dem STANDARD: "Die Talfahrt wird sich nicht schnell umkehren." Er hält sogar ein Abrutschen des Kursverhältnis von 0,95 Euro zu einem US-Dollar für möglich. Zunächst liege das Wechselkursmodell des IHS aber bei 0,97/0,98.

Gleichzeitig bewertet Helmenstein aber - so wie die überwiegende Zahl der Volkswirte in den österreichischen Großbanken - die aufgeregte Sorge um eine schwache europäische Außenwährung als rein "psychologisch". Helmenstein: "Das Kursniveau des Euro ist keine Tragödie, ganz im Gegenteil, sie stützt den Konjunkturaufschwung in Deutschland - und natürlich auch in Österreich."

"Was heißt schwache Währung", fragt die Volkswirtin der Raiffeisen Zentralbank, Lydia Kranner, und antwortet: "Anlass zur Besorgnis ist ja nur bei anziehendem Preisniveau gegeben und dieses ist in Europa auch mit höheren Rohstoffpreisen stabil."

Ursachenforschung

Argumente deutscher Banker, wonach auch die innenpolitische Situation Österreichs und der CDU-Spendenskandal in Deutschland auf den Kurs der Europa-Währung drücke, beantwortet Helmenstein: "Das klingt sehr ehrenvoll für Österreich, ist aber sicher nicht richtig - ich glaube auch, dass die deutschen Parteispenden nicht so viel Einfluss haben."

Grundsätzlich spiele das Vertrauen der Finanzwelt in den US-Dollar vor dem Hintergrund der anhaltenden US-Konjunkturlokomotive die Hauptrolle für den Euro-Kurs. Helmenstein: "Es ist ja klar ersichtlich, dass die US-Konjunktur nicht nur von der New Economy getragen wird, sondern dass jetzt auch die Grundstoffindustrien, dort wo noch immer die Masseneinkommen erwirtschaftet werden, profitieren."

Dazu komme eine restriktivere Geldpolitik der US-Notenbank, sagt Helmenstein, die als Inflationsziel nunmehr ein Prozent gesetzt habe (derzeit knapp zwei Prozent Teuerungsrate), wogegen die Europäische Zentralbank (EZB) den Referenzwert der Teuerung mit zwei Prozent festgesetzt hat. "Das macht den Dollar doppelt attraktiv."

Dazu geselle sich die Wirkung des weiter hohen Yen-Kurses, der asiatisches Geld in den Dollar führe und somit auf das Kursniveau des Euro drücke. Wie CA-IB-Investmentbanker Willi Hemetsberger formuliert: "Wir haben einen hohen Dollar, keinen schwachen Euro."

Handlungsbedarf

Allerdings, so die Einigkeit der Experten auch aus den deutschen Instituten: Mit zunehmender Talfahrt des Euro wächst die Wahrscheinlichkeit, dass die EZB bereits am kommenden Donnerstag die Zinsschraube um 25 Basispunkte auf einen Leitzins von 3,25 Prozent anzieht. Für die USA wird ein Zinsschritt um 25 Basispunkte auf 5,75 in der kommenden Woche oder teilweise sogar um 50 Basispunkte auf sechs Prozent erwartet.

Helmenstein: "Die Chance für einen sofortigen Zinsschritt in der EZB steht 50:50." "Wegen steigender Importpreise" erwartet auch der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Norbert Walter, einen baldigen Zinsschritt der Europäer. Kurskorrekturen zugunsten der europäischen Gemeinschaftswährung erwarten die Ökonomen in der zweiten Jahreshälfte. "Sobald sich die anziehende Konjunktur in Europa in den Bruttoinlandsprodukten niederschlägt, wird der Optimismus zurückkehren", sagt Kranner.

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