Die Bildungskarawane zieht ostwärts

1. Juni 2004, 12:05
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EU-weit genehmigen Unternehmen Weiterbildung nur sparsam und wenn, dann eher "trockene Lehrgänge" - Die Branche setzt nun auf den Hoffnungsmarkt "EU-Beitrittsländer"

Österreichs Seminaranbieter sind derzeit stark in den EU-Beitrittsländern gefragt, macht Niki Harramach, Sprecher der Österreichischen Wirtschaftstrainer, Hoffnung. Er verweist darauf, dass die Situation der heimischen Trainingsinstitute derzeit im eigenen Land sehr diffizil sei.

Headquarters

Grund genug, so Harramach, seine Zelte zwischen Bratislava und Krakau aufzubauen und "die Karawane ostwärts ziehen zu lassen". Denn, so Harramach: "Der Osten holt nicht nur bildungsmäßig sehr stark auf, obwohl er noch nicht Mitglied der EU ist." - Nicht nur einzelne Fertigungsstätten werden aus Österreich Richtung Osten ausgelagert, immer öfter würden auch die Headquarters, von denen aus die westlichen Multis das CEE-Geschäft steuern, ostwärts wandern.

Große Chancen hätten vor allem Trainingsinstitute, die sich mit den EU-Beitrittsländern und deren direkten Bedürfnissen auseinander setzen. Gefragt, so Harramach, seien bei unseren lernhungrigen Nachbarn vor allem Seminare wie:

  • Cross-Cultural Coaching für CEE-Manager, um sich mit den österreichischen und deutschen Eigenheiten vertraut zu machen.
  • Managementqualifikationen wie Führung und Kommunikation.
  • Seminare für die Persönlichkeitsentwicklung

Die Personalisten großer Konzerne in den EU-Beitrittsländern seien offener für neue Seminarangebote als ihre Kollegen in Österreich oder Deutschland.

Die Münchner Autorin und Weiterbildungsspezialistin Bärbel Schwertfeger bringt die Situation auf den Punkt: "In den großen Konzernen ist 2004 nach wie vor Sparen angesagt." Die Personalisten würden heuer vor allem maßgeschneiderte oder begleitende Trainings genehmigen. Harte Zeiten für Mitarbeiter: Von längerfristigen Ausbildungen - wie etwa MBA-Studien - rät Schwertfeger derzeit überhaupt ab. Der Grund: "Zu langes Fernbleiben vom Arbeitsplatz wird von den Chefs meist nicht mehr goutiert. Und auch nicht mehr bezahlt."

Gefährliche Absenz

Christine Wirl sieht einen Weiterbildungstrend in Richtung Lehrgänge. "Die sind derzeit total ausgebucht", hat die Herausgeberin von Training, dem Magazin für Bildung und Personalwesen beobachtet. Vor allem wenn es um "Renner" wie Coaching, Projektmanagement oder Controlling geht. "Die Firmen bezahlen, wenn sie einen Nutzen für das Unternehmen sehen." Und: Seminare müssen "greifbar sein", konstatiert Wirl. Ganzheitliche Trainings seien weniger gefragt, "auch was in Richtung Work-Life-Balance geht, muss sich", so die Expertin, "der Mitarbeiter selbst finanzieren".

Kontinuität

"Erfolgreich ist man dann, wenn man auf Kontinuität setzt", weiß Georg Horacek, Senior Vice-President Corporate Human Resources der OMV. Die OMV wird heuer bis zu 500 Euro pro Mitarbeiter in Sachen Weiterbildung ausgeben. "Wir bieten sowohl unseren Juniorführungskräften Coachingstunden an, haben aber auch ein Gruppencoaching-Programm." Pro Jahr werden außerdem bis zu drei MBA-Studien von der OMV bezahlt.

Anita Askin-Wicher, Referenetin für Public Relationsdes Wifi-Netzwerks, stehen die kommenden Jahre im Zeichen des "selbst gesteuerten Lernens". "Jeder ist für seinen Bildungsweg selbst verantwortlich. Das erfordert von jedem Einzelnen einen hohen Informationsstand über die aktuellen Angebote und ein hohes Maß an Flexibilität."

Weitere Trends

  • Das E-Learning via Internet beschleunigt auch in Zukunft die heutige Lern- und Bildungsdynamik.
  • Die Zeitfenster für Weiterbildung werden immer mehr von den Lernenden selbst bestimmt. Heute erlauben die neuen Technologien ein zeit-und raumunabhängiges Lernen: ob am Arbeitsplatz, zu Hause oder von unterwegs.
  • International anerkannte Bildungsabschlüsse sind zunehmend gefragt. Besonders das Thema Sprachen boomt.
  • Im Bereich Marktkommunikation und Customer Relationship besteht hoher Bedarf an Wissen und Fähigkeiten.
  • Das Finden von Lösungen wird immer komplexer. Der Faktor Mensch spielt dabei eine zentrale Rolle. Wie finde ich das richtige Team? Wie kann ich die Motivation meiner Mitarbeiter erhöhen?

"Qualifikationen in dieser Richtung gewinnen in Zukunft einen enormen Stellenwert", schätzt Askin-Wicher. (Judith Grohmann, DER STANDARD Printausgabe, 17./18.1.2004)

  • Artikelbild
    bild oliver schopf
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