Niemand folgt Gusenbauer in den Zwangskindergarten

26. Jänner 2004, 14:26
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Auch interne SPÖ-Kritik am Vorschlag für Zuwanderer-Kinder - Migrationsforscher fordern zweisprachige Systeme

Wien – Ein Vorschlag, der polarisiert: SP-Chef Alfred Gusenbauer kann sich vorstellen, für ausländische Kinder eine Kindergartenpflicht einzuführen, damit sie ihre Deutschdefizite vor dem Schuleintritt ausmerzen können. Grund für Gusenbauers Offensive sind die schlechten Lesekompetenzen vor allem von Ausländerkindern, die in der Pisa-Studie offenkundig wurden.

Gegensteuern will der SP- Chef mit einem Dreistufenplan: Alle Kinder, Österreicher und Zuwanderer, müssten die Chance haben, in einen Kindergarten zu gehen. Das letzte Kindergartenjahr soll wie eine Vorschule geführt werden, mit spielerischen Leseprogrammen. Und er will mehr Ganztagsschulen.

Sollte das Angebot nicht entsprechend angenommen werden, müsse man sich etwas anderes überlegen – Pflichtbesuch inklusive.

Das ging den auch den in der SPÖ organisierten Lehrern zu weit: Der Vorsitzende der Sozialdemokratischen Lehrer, Reinhard Dumser, "verurteilte" die Idee strikt: Es dürfe keine Unterstützung der "abwegigen Politik gegen Zuwanderer von Innenminister Ernst Strasser und der FPÖ" geben.

Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (VP) konzedierte einen "richtigen Vorschlag, aber die falsche Maßnahme. Eine Zwangsverpflichtung ist nicht das Ziel".

Das meint auch Migrationsforscherin Barbara Herzog- Punzenberger vom Zentrum für Soziale Innovation im STANDARD-Gespräch: "Verpflichtend ist problematisch." Um den Spracherwerb von Migrantenkindern wirklich zu fördern, sei die gesamte "Angebotsstruktur zu ändern".

Unbedingte Voraussetzung: "Es muss kostenlos sein."

Rücksichtnahme

Die Kindergartenpädagogik "muss auf Mehrsprachigkeit und Interkulturalität Rücksicht nehmen". Nicht deutschsprachige Kinder dürfen nicht von heute auf morgen in einsprachige Kindergärten gesteckt werden, in denen die Muttersprache vielleicht auch noch verboten ist. Daher sei es hoch an der Zeit, "Kindergartenpersonal aus der zweiten Ausländergeneration zu rekrutieren". Bei der Primärbildung "muss auf die Muttersprache der Kinder Rücksicht genommen werden" – also ein zweisprachiges System.

Einer, der selbst verpflichtende Deutschkurse im "Integrationspaket" eingeführt hat, VP-Klubchef Wilhelm Molterer, meinte: "Typisch SPÖ – schon wieder Zwang." Bei den Erwachsenen läge "die Priorität" der Integration.

FP-Bildungssprecherin Mares Rossmanns Reaktion: "Krause Idee." Grünen-Bildungssprecher Dieter Brosz will generell mehr Förderung für benachteiligte Kinder. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.1.2004)

Von Lisa Nimmervoll
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