Josh Rouse: "1972"

4. Oktober 2005, 12:31
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Zurück in eine virtuelle Vergangenheit - eine Mischung zwischen Folk und Funkyness

Niemand wird Elliott Smith je ersetzen können, niemals jemals. Auch Josh Rouse nicht, da kann er noch so oft mit dem im Vorjahr verstorbenen Sänger, dem Celine Dions "Titanic"-Heulboje einst den Oscar für das beste Lied wegschnappte, verglichen werden.

... was aber nicht heißen soll, dass sich im Smith'schen Musiksegment nichts täte. Also: Blick auf Josh Rouse und seinen mittlerweile vierten Longplayer.

Rouse mag biographische Anspielungen offenbar. Verwies sein 1998er Debüt "Dressed Up Like Nebraska" auf den Ort seiner Herkunft, dann ist mit dem aktuellen Album das Jahr seiner Geburt dran. Mehr als das aber: "1972" steht für einen Sound, verortet in einer virtuellen Vergangenheit irgendwo und -wann zwischen Harry Nilsson (Everybody's Talkin', Without You) und einem jungen Billy Joel. Soll heißen: klassisches "weißes" Singer-Songwritertum trifft auf einen Spritzer belebende Funkyness, ohne die das Ganze leicht erlahmen könnte.

Der Ausdruck "Folk Music" ist noch gar nicht gefallen, aber genau darum geht es, genauer gesagt um deren älteste Wurzel: das Erzählen von Geschichten. Die können aus dem eigenen Leben stammen oder den (erfahrenen bzw. erfundenen) von anderen. Vom verlorenen Aufreißer James oder dem sexuell aus dem rotnackigen Rahmen gefallenen Flugbegleiter (Flight Attendant). Oder dem Gestrandetsein in Norwegen, ohne Sonne, ohne Serotonin (Come Back / Light Therapy, die Single-Auskoppelung).

"1972" gilt als Rouses positivstes Album - was aber um das wichtige Wörtchen relativ zu ergänzen ist: Denn immer noch steht die Melancholie im Vordergrund. Saitengezupft in erster Linie, dazu in ausgewogenen Arrangements auch gegeigt, geblasen, geflötet und handbeklatscht. Immer dezent und manchen vielleicht zu perfekt (vulgo glatt) - aber ein Saxophon unaufdringlich einzumischen, ist schon eine Leistung für sich.

Dass Rouse inzwischen von seiner Musik leben kann, liegt nicht zuletzt daran, dass sie sich besonders gut für Soundtracks eignet - und damit kommt Smith dann doch noch mal um's Eck ...
(Josefson)

Josh Rouse: "1972" (Rykodisc 2003)

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    coverfoto: rykodisc
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