Rolf Hochhuth bleibt gelassen

27. Jänner 2004, 12:28
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Vertreter der Wirtschaft wittern in dessen neuem Stück Verständnis für Mord - Bank prüft rechtliche Schritte

Berlin/Konstanz/Frankfurt/Main - - Der Schriftsteller Rolf Hochhuth hat die Vorwürfe des Präsidenten des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Michael Rogowski, gegen sein jüngstes Theaterstück "McKinsey kommt" zurückgewiesen. "Das ist absurd", sagte Hochhuth am Donnerstag. "Die Vorwürfe treffen überhaupt nicht den Kern der Auseinandersetzung." In dem Fünf-Akter sollen laut Hochhuth die Opfer der "Diktatur der Weltwirtschaft" gezeigt werden, wo der Abbau von Arbeitsplätzen zum Maß aller Dinge geworden sei. In einem in dem Stück enthaltenen "Sonett" heißt es unter anderem: "Für Josef Ackermann jährlich Euro 6,95 Millionen. Beirrt/Ihn, dass er 14,31 Prozent Deutsche Banker entlässt?/Die Kosten dem Staat aufhalst, den die Wirtschaft erpresst?"

In einem Essay von Gert Ueding zur Buchausgabe des Theaterstückes (Deutscher Taschenbuch Verlag) heißt es, keine der darin präsentierten Fakten seien neu. "Als eine menschliche geht die Welt der Wirtschaft erst jetzt in Stücke." Eine Folge sei "der Zusammenbruch menschlicher Solidarität auf allen Ebenen" und ein "Schurkenkapitalismus", der zu einer politisch nicht mehr kontrollierbar gewordenen Macht geworden sei.

Heftige Kritik am neuen Theaterstück üben deutsche Wirtschaftsvertreter. In dem Drama "Mc Kinsey Kommt" wird dem Berliner "Tagesspiegel" zufolge Verständnis für einen möglichen Mordanschlag auf den Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann geäußert, weil dieser Arbeitsplätze abbaue und selbst ein Spitzengehalt kassiere. Das Stück soll am 13. Februar am Brandenburger Theater in Brandenburg/Havel uraufgeführt werden.

"Herr Hochhuth, schämen Sie sich!" sagte der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Michael Rogowski. "Will Herr Hochhuth Mord als Mittel der politischen Auseinandersetzung hoffähig machen?" Er sei erschüttert, meinte Rogowski, dass der Tod von Alfred Herrhausen, Jürgen Ponto und BDI- Präsident Hanns Martin Schleyer für eine ideologische Polemik instrumentalisiert werde. "Es ist mit menschlichem Anstand und demokratischen Sitten unvereinbar, die Guillotine in einen Zusammenhang mit Managern zu bringen", sagte Rogowski. Wer die Diskussion um Managergehälter oder Arbeitsplätze mit Klassenkampf verwechsle, wer Terrorismus und Guillotine ins Spiel bringe, der verlasse den Boden, auf dem diese Auseinandersetzungen geführt werden müssten.

Gelassenheit

Mit Gelassenheit hatte Hochhuth zuvor auf die Ankündigung der Deutschen Bank reagiert, rechtliche Schritte gegen sein neues Theaterstück prüfen zu wollen: "Wenn die Deutsche Bank ein Gedicht mit Mitteln des Rechts angreifen will, ist sie arm dran und fügt der Reihe ihrer Fehler einen weiteren hinzu".

Die Deutsche Bank will rechtliche Schritte gegen Hochhuth (72) prüfen. Dies sei "ein Skandal", wurde Deutsche-Bank-Sprecher Detlev Rahmsdorf zitiert.

"Der Mord als Hilfsmittel"

Der Dramatiker meinte zudem, der beanstandete Text sei Teil eines Sonetts, das sich seinerseits wiederum auf einen Text von Jacob Burckhardt (1818-1897) mit dem Titel "Der Mord als Hilfsmittel" beziehe. Das Brandenburger Theater teilte mit, ungeachtet der Kritik an dem Stück werde es wie geplant am 13. Februar uraufgeführt. "Wir sehen auch keine Veranlassung, auf Rolf Hochhuth Einfluss zu nehmen, damit er Änderungen vornimmt", sagte Sprecher Uwe Wohlmacher auf Anfrage. "In seinem Stück wird aus unserer Sicht kein Verständnis für einen Mordanschlag auf Ackermann geäußert. Gemeint ist vielmehr: Der Mann muss sich nicht wundern, wenn..."

"Diktatur der Weltwirtschaft"

"McKinsey-Zeit" und "McKinsey-Politik" werde man noch nach hundert Jahren - in Anspielung an den internationalen Unternehmensberatungs-Konzern - über die heutige Ära sagen, hatte Hochhuth in einer früheren Mitteilung zu seinem neuen Stück geäußert. In dem Fünf-Akter sollten die Opfer der "Diktatur der Weltwirtschaft" gezeigt werden, wo der Abbau von Arbeitsplätzen zum Maß aller Dinge geworden sei. Die Inszenierung hat der Berliner Regisseur Oliver Munk übernommen. (APA/dpa)

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    Mit Werken wie "Der Stellvertreter" (1963) über das angebliche Schweigen des Papstes zu den NS-Verbrechen oder "Wessis in Weimar" (1993) über die Praktiken der Treuhand in Ostdeutschland hat Rolf Hochhuth immer wieder zum Teil heftige öffentliche Kontroversen ausgelöst.

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