Der mächtigste Iraker ist eigentlich Iraner

23. Jänner 2004, 19:50
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Kopf des Tages: Großayatollah Sayyid Ali Sistani

Er ist heute nichts weniger als der mächtigste Mann im Irak: Großayatollah Sayyid Ali Sistani. Nur ihm konnte das Kunststück gelingen, die USA dazu zu bringen, als Bittsteller bei der UNO vorzusprechen. Sie soll Sistani davon überzeugen, sich nicht gegen die US-Transitionspläne zu sperren, die nur indirekte Wahlen zur Bildung einer irakischen Regierung vorsehen.

Ohne Zustimmung Sistanis wird eine Mehrheit der Iraker diese Regierung als illegitim ablehnen. Denn Sistani ist der personifizierte Minimalkonsens aller irakischen schiitischen Parteien.

Dabei ist er kein Politiker – und ursprünglich nicht einmal Iraker, wobei nicht zu eruieren ist, ob sich der 1930 im iranischen Mashhad Geborene nun im Besitz der irakischen Staatsbürgerschaft befindet oder nicht. Einen Pass hat er wahrscheinlich nie gebraucht, außer im Iran und im Irak war er nur als Pilger in Mekka. Seit 1952 lebt Sistani im irakischen Nadjaf, das damals, vor Saddam Hussein, die theologische Hauptstadt auch für viele iranische Schiiten war. Sistanis Meister war Großayatollah Khoei, dessen schwierige Nachfolge als schiitischer Führer zu Saddams Zeiten er 1992 antrat. Die US-Invasion erleichterte er, indem er die Schiiten zum Stillhalten anhielt – US-Vizekönig Paul Bremer hat er jedoch bis heute nicht empfangen.

Sistani selbst bewegt sich nicht aus Nadjaf weg, das heute, nach dem Sturz Saddams, die Chance bekommen könnte, seine alte theologische Stellung zurückzuerobern: Auch weil sich die Iraner nach dem De-facto-Scheitern der Khomeinischen Staatstheorie "velayat-e faqih" (Herrschaft des Rechtsgelehrten) in einem Schwächezustand befinden.

Sistani, der die Schiiten mobilisiert, um ihre abermalige politische Marginalisierung im Irak zu verhindern, gilt eigentlich als Quietist, der sich der Tagespolitik enthalten will. Allerdings beinhaltet seine Sicht vom Staat offensichtlich doch etwas wie ein Einspruchsrecht der Geistlichen – das jedoch an die Politik, an eine entsprechende Politik, delegiert werden soll.

Was das alles in der politischen Praxis heißt? Auf seiner Homepage (www.sistani.org) – auf der man etwa Auskunft erhält, wie Sistani zum Verzehr von Eselsfleisch steht (durchaus ein Beweis für seine offene Textinterpretation!) – wird man keine Antwort darauf finden. Sistanis Pochen auf die Volkssouveränität, die jetzt die Form einer Drohung gegen die USA hat, widerspricht jedenfalls genauso der Staatsordnung im Iran.

Dort hat er zweifelsohne ebenfalls Anhänger. Aber erst wenn sich die Lage im Irak beruhigt, wird man erkennen, von wie vielen Schiiten international Sistani als ein "Marja al-taqlid" (Quelle der Nachahmung) angesehen wird und ob er jemals das Attribut "mutlaq", absolut, das nur einem zusteht, erhalten wird. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.1.2004)

von Gudrun Harrer
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    Ein Plakat des derzeit mächtigsten Mann im Irak, Sayyid Ali Sistani

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